Wien – Grätzltipps – 1. Innere Stadt

Mahmal am Judenplatz (c) STADTBEKANNT Mallmann
Mahmal am Judenplatz (c) STADTBEKANNT Mallmann

Der Judenplatz

8. März 2016 • 1. Innere Stadt, Denkmäler & Kunstobjekte

Die verdrängte Seite der Wiener Stadtgeschichte

Im Herzen des 1. Bezirks befindet sich der Judenplatz. Im Mittelalter war er das Zentrum der Wiener jüdischen Gemeinde und Standort einer der größten europäischen Synagogen. Um ihn herum befand sich seit dem ausklingenden 13. Jahrhundert ein belebtes jüdisches Ghetto.

 

Wiener Gesera

Von 1420 bis 1421 kam es in Österreich zu einem organisierten antisemitischen Pogrom. In Folge des sogenannten Wiener Geseras wurde die Synagoge am Judenplatz zerstört und sämtliche Mitglieder der jüdischen Gemeinde deportiert, inhaftiert oder ermordet. Die Steine der niedergerissenen Synagoge wurden anschließend zum Bau der alten Wiener Universität verwendet und legten so wortwörtlich das Fundament für die akademischen Spielarten des Antijudaismus und Antisemitismus. Es sollte fast 200 Jahre dauern, bis in Wien wieder eine jüdische Gemeinde entstand.

Relief Jordan Haus (c) STADTBEKANNT

Relief Jordan Haus (c) STADTBEKANNT

Das Jordan-Haus

Am Judenplatz befindet sich auch das Jordan-Haus. Ein mittelalterlicher Bau, an welchem ein gotisches Relief eine harmlose christliche Taufszenerie darstellt. So könnte man zumindest meinen, wenn da nicht der begleitende lateinische Schriftzug wäre, der lange Zeit von den Wienern unbeachtet blieb. Erst als Ende der 90er Jahre die Überreste der alten Synagoge am Judenplatz freigelegt wurden, erkannte man den historischen Gehalt des fotogenen Reliefs. Hinter dem kryptischen Latein verbarg sich nämlich die ganz volkstümliche Rede von sühnenden „Flammen des Hasses“ und zu bestrafenden „Hebräerhunden“. Ein offener und positiver Bezug auf die Mordbrennerei von 1420 und 1421, der auch heute noch unkommentiert am Judenplatz zu sehen ist.

 

Das Wiener Holocaust-Mahnmal

Die Überreste der mittelalterlichen Synagoge sind heute im Museum Judenplatz ausgestellt. Auf dem Judenplatz selbst erinnert seit dem Jahr 2000 das Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Shoa an die 65.000 Wiener Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Es ist als steinerne Bibliothek konzipiert, die zwar zunächst durch ein integriertes Tor zugänglich scheint, aber doch keinen Einlass bietet und deren Inneres einzig durch den äußeren Bezug, die in den Boden gemeißelten Namen der Orte der Vernichtung, zu erahnen ist. Das Mahnmal steht so auch für die verdrängten Opfer des Wiener Antisemitismus, die zwischen neoklassizistische Fassaden, Mozartkonzert und Wiener Mundart zwar anwesend sind, aber nur allzu gern vergessen werden.

Mahmal am Judenplatz (c) STADTBEKANNT

Mahmal am Judenplatz (c) STADTBEKANNT

STADTBEKANNT meint

Der Wiener Judenplatz ist sowohl ein Zeugnis der weit zurückreichenden jüdischen Geschichte Wiens als auch des antisemitischen Hasses, der den Juden in Wien immer wieder entgegenschlug. Es bleibt zu hoffen, dass die Geschichte des Judenplatzes nicht durch weitere Gedenktafeln gezeichnet werden muss und dass die lateinische Drohung am Jordan-Haus eines Tages ohne Widerruf erlischt.

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