Lifestyle – Skurriles

Wiener Zentralfriedhof Gräber (c) Mautner stadtbekannt.at
Wiener Zentralfriedhof Gräber (c) Mautner stadtbekannt.at

Der Friedhofsexpress

26. März 2016 • Skurriles

Skurriles WienWissen – Der Friedhofsexpress zum Wiener Zentralfriedhof

Die Wiener und ihr Hang zum schönen Sterben, das ist natürlich ein etwas überzeichnetes Klischee aber eine gewisse Ästhetisierung und Fetischisierung des Todes kann man in Wien nicht von der Hand weisen.

So ist der Wiener Zentralfriedhof nicht nur einer der größten Friedhofsanlagen Europas, er ist auch einer der beliebtesten Touristen-Stops in Wien. Und kein Wunder, erinnert der Zentralfriedhof doch eher an einen Schlossgarten – wenn man sich die Grabsteine weg denkt und sogar denen kann man eine durchaus reizvolle Memento-Mori-Ästhetik nicht absprechen.

 

Olfaktorische Belästigung

Dass es dort heutzutage so pittoresk aussieht und ruhig zugeht, dem war nicht immer so. Und zwar war es 1874, als der Zentralfriedhof eröffnete, Usus, die Leichen mit dem Pferdefuhrwerk zu ihrer letzten Ruhestätte zu transportieren. Was jedoch drei gravierende Nachteile hatte. Erstens machten die ständigen Leichenwägen aufgrund der starken Fluktuation Simmering zu einer regelrechten Begräbnisdurchzugsstraße. Zweitens sind Pferdefuhrwerke ja nicht unbedingt die schnellsten, die Leichen auch nicht gerade taufrisch und wenn man sich dann noch die brütende Hitze im Sommer dazu vorstellt – kein schönes Bild und eine olfaktorische Katastrophe. Drittens: Im Winter gab es wiederum andere Probleme, da bleiben die Leichenwägen oft im Schnee und unpassierbarem Gelände stecken und die Leichen wurden in Gasthäusern oder was halt gerade bei der Hand war zwischengelagert.

Um dieses Problem zu lösen muss man zugeben, dass die Wiener durchaus Erfindungsreichtum an den Tag legen, wenn es um den Leichentransport geht. So schlug der Architekt Franz Felbinger 1874 eine unterirdische „pneumatische Leichenbeförderung“ vor. Das Konzept war technisch revolutionär: Vorgesehen war eine zentrale Lagerstätte für Särge in der Wiener Innenstadt von der aus unterirdische Rohre verlegt werden sollten durch die man die Särge „pustete“. Möglich machen sollte das Druckluft und eine 150-PS-Hochdruck-Dampfmaschine, die den nötigen Druck erzeugen solle um die Särge bis nach Simmering zu befördern. Also eigentlich DIE perfekte Lösung: Schnell, geruchsarm, unsichtbar und vor allem technisch machbar.

 

Leichenstau

Warum der „Friedhofexpress“ aber nie gebaut wurde? Nun kein technisches Gerät funktioniert mit hundertprozentiger Sicherheit. Was würde nun passieren, wenn einer der Leichenwägen, der stets vier bis fünf Särge transportiert, in einem der Rohre stecken bleibt? Es gab wenige bis gar keine Ein- bzw Ausstiegslucken, das heißt ein Haufen Leichen hätte den Transportweg blockiert und, damit nicht genug, hätte fröhlich angefangen vor sich hinzufaulen. Bis die Särge mit den darin befindlichen leichen geborgen worden wären… Nun ja das kann man sich ja wohl ausmalen. Man wechselte also im Leichentransport wieder zurück zum Pferdewagen bis sie ab 1918 mit der Straßenbahn transportiert werden konnten, der sogenannten „Schwarzen Tram“.

PS: Die Erfindung von Franz Felbinger war jedoch nicht umsonst: 1875 wurde die „pneumatische Rohrpostanlage“ in Betrieb genommen, allerdings nur zu Eilbriefsendezwecken wie Depesche oder Telegramm der Post verwendet. Dieses Postnetz war bis ins Jahr 1956 in Verwendung.

Zentralfriedhof Tor 1

Simmeringer Hauptstr. 234
1110 Wien
+431760410
http://www.friedhoefewien.at/

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