Wien – Grätzltipps – 11. Simmering

Friedhof der Namenlosen Weg (c) stadtbekannt.at
Friedhof der Namenlosen Weg (c) stadtbekannt.at

Der Friedhof der Namenlosen

16. Februar 2014 • 11. Simmering, Grätzltipps

Weit abgelegen an der Stadtgrenze, an den grünen Ausläufern des 11. Bezirks hinter dem Alberner Hafen liegt der Friedhof der Namenlosen. Hier liegen die sterblichen Überreste derer begraben, deren Leichname zwischen 1848 und 1940 im Hafenbereich von der Donau angespült worden sind. Von den meisten weiß man weder ihren Namen noch wie sie gestorben sind.

Den meisten von ihnen blieb ein kirchliches Begräbnis verwehrt, nicht zuletzt, weil auch zahlreiche von ihnen Selbstmörder waren, die sich im Fluß ertränkten. Mitte des 19.Jahrhunderts begann man deren sterbliche Überreste am Donauufer einzugraben. Vor allem im Frühjahr wurde der illegale Friedhof oft überspült und zahlreiche Leichenteile freigeschwemmt. Erst 1935 bekam die letzte Ruhestädte der Unbekannten einen offiziellen Anstrich, auch unter Hilfe des Simmeringer Bezirksrates, aber bereits seit der Jahrhundertwende spendete eine örtliche Schreinerei die Särge. Entgegen der kirchlichen Dogmen erfuhren die Toten jedoch stets einen pietätvollen Umgang; die Gemeinde Wien bezuschußte das erst 1935 eingemeindete Albern zur Finanzierung und bis heute stiftet die Alberner Fischerinnung alljährlich an Allerseelen einen Kranz für die Toten, der blumengeschmückt auf einem Holzfloß die Donau hinabtreibt.

Der Totengräber und seine Leichen

Bis zu seinem Tod im Jahre 1996 pflegte in ehrenamtlicher Arbeit mit liebevoller Hingabe und Pietät der Totengräber Josef Fuchs „seinen“ Friedhof. Bis auf eine konnte Josef „Peppi“ Fuchs alle Toten identifizieren und stiftete ihnen ein schlichtes grußeisernes Kreuz mit Christus-Figur. Durch unermüdliche Recherche war er imstande selbst verwesten, zersetzten und von den Naturgewalten bis zur Unkenntlichkeit entstellten Leichen einen Namen zu geben. Selbst nachdem Fuchs seinen eigenen Sohn hat zu Grabe tragen müssen, den er eigenhändig vom Baum schnitt, als er sich im nahegelegenen Wald erhängte, fühlte er sich weiterhin den unbekannten Seelen verbunden. Nur wenig später richtete sich seine Frau am Grab des gemeinsamen Kindes. Dadurch, daß das Gelände durch keine Mauer und keinen Zaun begrenzt wird, ist der Zugang jederzeit möglich, sodaß es regelmäßig zu Vandalismus gekommen ist. „Ihr werdet noch sehen, was ihr davon habt!“ schrie Josef Fuchs eingedrungenen Jugendlichen hinterher, erinnern sich noch ältere Anrainer. Die beinahe freundschaftliche Verbindung der Wiener zum Tod ließ den Friedhof der Namenlosen bereits mehrfach zur Filmkulisse auch internationaler Produktionen werden. Auch touristisch interessant erwähnt beinahe jeder Reiseführer den stillen Ort am Stadtrand.

Die unerlösten Seelen

Von den fast 500 Gräbern sind dennoch nur wenige mit Namen versehen. Am sagenumwobensten ist das Grab des kleinen Wilhelm Töhn „ertrunken durch fremde Hand am 1. Juni 1904 im 11. Lebensjahr“ steht auf der schlichten schwarzen Tafel. Seit Jahrzehnten berichten Besucher von Kinderstimmen, ein kleiner Junge stünde zwischen den Bäumen und sogar im eigenen Schlafzimmer wollen mehrere Leute eine Kindsgestalt gesehen haben.
Wer vor seinem gottgewollten Todeszeitpunkt abtritt, so sagt der Volksmund, müßte so lange umherstreifen, bis seine Seele erlöst werde. So wundert es nicht, daß besonders um die letzte Ruhestätte von Selbstmördern und Mordopfern vermehrt seltsame Beobachtungen gemacht werden. Einzig Peppi Fuchs habe es verstanden, die Seelen wieder zurückzurufen, wenn sie in ihrer Unrast den Gräbern entstiegen.
„Beschäftige dich nicht zu viel damit“ schreibt eine Userin in „Der Presse“, die bereits mehrfach, genauso wie „Vienna“ und der „Falter“ über die unheimlichen Begegnungen am Friedhof berichtet hatte. „Sie wollen das nicht“ führt sie fort, „ich habe viermal das Kind an meinem Bett stehen gesehen.“ Auch andere Besucher berichten von der weißen Kindsfigur. „Es trug braunes, ganz altertümliches Gewand“ bestätigt ein anderer Forenteilnehmer die Begegnung.

Geister in der Nebelwand

Regelmäßig finden noch Investigationen an diesem unheimlichen Ort statt. Im Internet finden sich zahlreiche Photos von schemenhaften Figuren, die sich aus dem Bodennebel erheben, aber man mag vielleicht auch zu viel hineininterpretieren. Solche Bilder können natürlich reine Fantasie sein, beachtet man jedoch die Plastik der Bilder sowie die Proportionen der Gestalten, kann man eher weniger von Zufall sprechen. Auch die Häufigkeit der Erscheinungen weist auf eine Art willkürliche Erscheinung hin.
Wir werden wohl nie erfahren, was es mit den Schicksalen der unbekannten Toten auf sich hat und niemals ganz klären können, weshalb so viele Besucher diesen Friedhof als „anders“ wahrnehmen, ihr beklemmendes Gefühl beschreiben und sogar seltsame Figuren, schemenhaft angedeutet im Halbschlaf oder Nebel sehen wollen. Es bleibt aber die Ungewißheit zurück über die Schicksale von Wiens unbekannten Toten.

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