Lifestyle – Skurriles

Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT
Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT

Der Aufstand der Namenlosen

19. Mai 2010 • Skurriles

Es ist müßig von moralischen Siegen zu sprechen, das sah man auch gestern bei Österreichs zweiten Hauptrunden-Duell bei der Handball-Euro mit dem Weltmeister von 2003 Kroatien. Zum einen dreht Nachkarten kein Spielergebnis um und zum anderen begibt man sich immer in den Anschein von Hätti-Wari und das macht keinen schmalen Fuß. Es ließe die gestrige Leistung der Österreicher nur im Lichte der Benachteiligung, die es zweifellos von Seiten des schwedischen Schiedsrichterteams gab, erscheinen. Das wäre einfach nur schade und ungerecht. Nicht weniger ungerecht als Stürmerfoul zu geben, wenn ein Verteidiger schon einen halben Meter innerhalb des Kreises zu kampieren scheint.

Dass Kroatien eine Weltklassemannschaft ist haben sie gestern bewiesen. Weltklasse nicht nur im spielerischen Sinne sondern auch im habituellen. Die Schweden knickten in ihrer Verbeugung vor dem zweimaligen Olympiasieger aber viel weniger vor der handballerischen Klasse, die war an diesem Abend nicht entschieden überragend, sondern vor dieser Aura des Erfolgs ein. In der Soziologie ist ein solcher Vorgang bekannt als Matthäus-Effekt, nach dem Zitat aus dem Matthäus-Evangelium. „Denn wer hat, dem wird gegeben werden, dass er Fülle habe; wer aber nicht hat, dem wird auch genommen was er hat.“ 
Ein Umstand der uns wohl bekannt ist, funktionieren doch die meisten Lebensbereiche nach diesem Prinzip, wie man nicht nur hier bemerkt.

So lässt sich das gestrige Spiel auch unter anderen Gesichtspunkten betrachten. Die österreichischen Handballer zeigten eine großartige kämpferische und teils auch spielerische Leistung. Man holte Rückstände von bis zu sechs Toren auf und zwang die siegverwöhnten Kroaten in der zweiten Halbzeit dazu auch ihren Superstar Ivano Balic in die Schlacht zu werfen, der sich wohl mehr einen Spaziergang als eine ernsthafte Kraftprobe erwartet hatte. Und nicht nur er. Spätestens mit dem 13:13 merkten alle Karos, dass hier kein Jausengegner zu Hause war. Mit zwei frenetisch singenden und feiernden Fangruppen im Rücken entwickelte sich ein spannender, offener Schlagaustausch. 
Wer hier die Superstargespickte Handballgroßmacht und wer der Underdog aus der Alpenrepublik war ließ sich oft nur an der Lautstärke des Torjubels ausmachen. 

Goalie Nikola Marinovic fand endlich wieder zu seiner Form und parierte neben 13 Würfen aus dem Spiel auch zwei Siebenmeter. Markus Wagesreiter zeigte was Abwehrarbeit bedeutet. Der kroatische Knipser Igor Vori machte gegen ihn nur einen Stich (Tor). Roland Schlinger war mit fünf Treffern neben Kapitän Siylagyi treffsicherster Schütze der Österreicher und schließlich auch verdient Spieler des Abends.
Einer aber, der ansonsten das Temperament eines Eisschranks an den Tag legt lief gestern wirklich heiß. Trainer Dagur Sigurdsson legte nordische Kühle ab und warf sich für seine Jungs in die Hitze des Gefechts. Dass sein Ausbruch und anschließender Ausschluss gegen Ende des Spiels sein Team nicht unbedingt stärkte mag wohl stimmen, dass sie aber ohne ihn und seine taktischen Finessen hier gar nicht erst gestanden wären aber noch mehr. 

Übrig bleibt also eine Leistung, die keinen Grund zum Unglück gibt, zumindest die der Herren in Weiß. Der Aufstieg war nach dem Sieg der Isländer gegen Russland ohnehin schon nicht mehr im Bereich des Möglichen und es bleibt die Hoffnung, dass Österreich für die nächste Teilnahme an einer Handball-EM nicht mehr Gastgeber sein muss und die wenig neue Weisheit, dass Handball oft ein einfaches Spiel ist, bei dem am Ende die Kroaten gewinnen. Wer deshalb aber den Sand in den Kopf stecken und es nicht mehr versuchen will, der soll halt weiter Skifahren.

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