Naked Lunch
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Naked Lunch

"Amerika" von Naked Lunch

Vielmehr als eine sich stoisch ans Original haltende Vertonung haben Naked Lunch, basierend auf Kafkas „Amerika“, für die Inszenierung jenes Stücks am Klagenfurter Stadttheater eine Songsammlung erschaffen, ein Konzeptalbum quasi, das in limitierter Auflage via monkey erschienen ist. Ein Album, das man auch losgelöst von der Vorgabe und dem Kontext des Stückes betrachten kann und soll.

Zurückblickend wie referenziell: They built this city with their bare hands, irgendwo im Niemandsland, dort wo Städte zwar Städte heißen, aber keine Städte sind sondern ewig jammernde Furten. Dort, von wo sie eigentlich weggegangen sind, in wirkliche Städte – die Biographie von Naked Lunch ist eine gebeutelte, eine des Scheiterns und Wiederaufstehens. Leicht hatten es Naked Lunch vielleicht ebenso wenig, wie sie sich es sich selbst, und vielleicht auch anderen, leicht gemacht haben: vieles, was in greifbarer Nähe war, hat am Ende das Tages nicht funktioniert. Am Epizentrum tanzen zu wollen kann auch Trümmer hinterlassen, physische und psychische. Lieder für die Erschöpften, verzweifelt aber nie entmutigt.

„Amerika“ spannt den ganzen Bogen, von den Erwartungen, vom möglichen Scheitern bis hin zum (offenen) Ende „Your Last Waltz“. „Bring on a new sensation / bring on a place that’s full of grace [...] / bring on all your expectations”, heißt es im ersten Song, “Walk Upon The Water”, einer spärlichen, von einem simplen Klavier getragenen, musikalisch elegischen, inhaltlichen hoffnungsvoll-erschöpften Ballade. Existenzialistenpop, wie es Fritz Ostermayer nennt.

In neun großartige Songs verpackte Geschichten über ewig wache Städte, Lichter, übers in der Hölle spazieren und am Epizentrum tanzen. Erwartungen, Enttäuschungen, surreale Szenarien und Narben. Das treibende, gehetzte und beinahe surreale "Fight Club",  das dunkle, countryeske ""First There Was A Desert" (das auch gut in Wim Wenders' "Paris, Texas" passen würde), das elegische, von einer schwermütigen Orgel getragene "On Fire" - das Album glänzt mit einer Vielfalt an Stimmungen, Arrangements, Gefühlen.

In den achten Song, "The Tramp", verliebe ich mich dann gleich beim ersten hören: die Strophen melancholisch, ein wenig "Into My Arms" vom letzten Album ähnlich, gipfelt "The Tramp" in einen grandiosen, endorphintreibenden Chorus. Popsongtechnisch vielleicht das Highlight des Albums.

Für die Instrumentierung war natürlich, neben Welter, wieder einmal Herwig "Fuzzman" Zamernik zuständig - dessen Gespür für Klangszenarien, sphärische Flächen und Instrumentierungen generell Naked Lunch definiert.

Obwohl extra für die Aufführung komponiert, könnte "Amerika" auch als reguläres Naked Lunch-Album durchgehen. Ein solches - der Nachfolger zu "This Atom Heart Of Ours" - ist in Arbeit, wenn gleich noch in ungewisser Ferne. Welter, Zamernik & Co waren eben immer ein Bandkollektiv, bei denen zwischen zwei Alben Jahre, oft eine halbe Dekade liegen.  Mit Amerika ist der Band ein großartiges Album gelungen, dass wie gesagt auch außerhalb des Kafka-Kontext bestens funktioniert.

Und während "Amerika" einen Fixplatz in vielen Playlists haben wird, bleibt zu hoffen, dass NAKED LUNCH uns nicht mehr zulange mit dem offiziellen Nachfolger von "This Atom Heart Of Ours" warten lassen.

Am Montag, dem 11.April präsentieren NAKED LUNCH die CD im Wiener Stadtsaal.

(mit herzlichem Dank an MONKEY MUSIC!).

Foto (c) Arnold Pöschl.

signatur_markus Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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rudi 2011-03-31 15:13:10

gute band, guter artikel. ich hoffe auch, dass sie bald eine neue LP raushauen, die letzte war ganz groß.

we don't need entertainment

brandstetter 2011-03-31 15:16:34

nicht vergessen: "WE DON'T NEED ENTERTAINMENT. WE ENTERTAIN OURSELVES".

Ganz großartig

Charles 2011-03-31 15:22:05

"dort wo Städte zwar Städte heißen, aber keine Städte sind sondern ewig jammernde Furten". Ein wirklich gelungener Artikel.

„Bring on a new sensation..."

monkey. 2011-03-31 15:53:28

Feiner Artikel!, Kompliment. Ahoi, WG

dieser Artikel ist

Fion 2011-03-31 16:53:14

wirklich sehr sehr gut gelungen.

merci

brandstetter 2011-03-31 22:46:27

vielen dank fürs nette feedback!

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