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Carl Weissner im Gespräch
Geschichten vom Epizentrum, assoziative Zeitzeugnisse vom Bebop in der Maschinerie der Nacht und ihren Protagonisten, korrupten Bullen, Poeten, lovers und landlords. Von Aufständen, Leichen und Eskapismus, Ginsberg der Ezra Pound in Paris besucht und ihm Dylan-Platten vorspielt, Ed Sanders und Bukowski. Vom Untergrund, von Magazinen, Joints, Büchern. Acid, streikende Müllmänner, Revolutionen.Carl Weissner ist in der Stadt. "Die Abenteuer von Trashman" heißt sein neues Buch, das er über den Milena Verlag herausgebracht hat: Ein Teufelsding von einem Roman, brilliant und assoziativ geschrieben, beruhend auf seinen (hauptsächlich) New Yorker Tagebüchern aus den Jahren 1967/68. Bekannt geworden ist er als Übersetzer und Freund von Kalibern wie Charles Bukowski, Allen Ginsberg und William Burroughs. Mit letzterem kollaborierte Weissner, 1967 auf dem Werk “So Who Owns Death TV ”.
Mein Telefon klingelt, und er ist dran. “Hallo, hier ist Carl Weissner. Sie wollten mich treffen?”. Ein wenig später sitze ich schon in der U2, die irgendwie nicht weiterfahren will, technisches Gebrechen oder so. Ich bin schon ein wenig außerhalb vom Zeitplan, beschließe, lieber zu rennen. So jemanden wie Weissner möchte ich nur ungern warten lassen. Fünf Minuten zu spät klopfe ich, außer Atem, an die Scheibe, ein gut gelaunter Weissner, den ich am Abend bei seiner Lesung im RadioKulturhaus wiedertreffe, öffnet mir und plaudert mit mir gut vierzig Minuten, oft assoziativ, über eine Fülle an Themen: von den Aufständen 1968 in den USA über Burroughs, Dylan und Bukowski bis hin zur Cut Up Technik, Autorencopyright und Kerouac.
Carl Weissner im Gespräch mit Markus Brandstetter
Auf Englisch publizieren Sie ja seit langem, auf Deutsch erst seit 2010, seit Ihrem Roman "Manhattan Muffdiver". Worin besteht für Sie der Unterschied, auf Deutsch oder Englisch zu schreiben?
Für mich besteht da eigentlich gar kein Unterschied, weil ich in beiden Sprachen zu Hause bin. Als ich mit circa 23 damit begonnen habe auf Englisch zu schreiben und noch nicht so ganz in der Sprache drin war, war das schon noch schwieriger, da hat es noch eine Weile gedauert bis ich mich aus der Deckung gewagt habe. Ich war ja mit all den Schwergewichten befreundet, Bukowski, Burroughs, Allen Ginsberg. Im Laufe der Zeit ist das aber zur zweiten Natur geworden, und so ist auch mein nächtliches Tagebuch, das ich 1967/68 in New York geschrieben habe, auf Englisch. Was den Vorteil hatte, dass ich es nur auf Deutsch übersetzen und aktualisieren, ergänzen musste. Ganz so ausführlich hätte ich das damals nicht schreiben können, dafür war damals einfach zu viel los.
William S. Burroughs gab ihnen den Ratschlag, selbst zu publizieren um nicht wahnsinnig zu werden. Ich habe einmal gelesen, dass sie parallel an drei Romanen arbeiten.
Das mit den drei Romanen gleichzeitig heißt natürlich nicht, dass es dreimal so schnell geht. Ich habe eben begonnen, an drei Projekten zu arbeiten und damit die nicht liegen bleiben, bis alles fertig ist, flippe ich manchmal hin und her. Das hält einen schon sehr auf Trab und ist natürlich mordsinteressant. Ich erlebe selten Schreibhemmungen, wenn es einmal bei einem Buch klemmt, schreibe ich eben am anderen weiter. Andererseits ist es so, dass ich gerne an den Orten schreibe, wo das Ding passiert. Eines spielt im Dschungel von Malaysia, da kann ich auch nicht die ganze Zeit hinfliegen. (lacht). Da muss ich irgendwann einmal ein längeres Stück dran stricken wo ich gerade bin.
Ich bin eigentlich mittlerweile fertig mit dem Autobiographischen. Auch wenn es manche erwarten, die mich fragen, warum mein Buch über 1968 am 30. Juni 1968 aufhört. Die Antwort ist sehr leicht: weil ich die restlichen sechs Monate so vollgeknallt war, dass Schreiben nicht mehr gegangen wäre. Ich bin damals mit einem Auto einer Agency, wo man für 100 Dollar Kaution die Karre kriegt, quer durchs Land. Nach sieben Tagen musste ich die Karre in San Francisco abliefern. Man hält sich nicht in San Francisco auf, wo damals die weltbeste Musik gespielt hat, und versucht ein Buch zu schreiben. Das meiste, was ich für mein Buchprojekt brauchte, hatte ich bereits in New York fertig. Das waren 600 Seiten, davon wurde genau ein Sechstel publiziert, weil die Druckkosten zu hoch waren. Das ist damals in einem Underground Verlag in San Francisco erschienen. Nach Veröffentlichung war mit den Ereignissen noch lange nicht Schluss, weil nach diesem katastrophalen Parteitag der Demokraten, wo es einen wahren Polizei- und Nationalgarden Amok gab. Man kann sich das heute gar nicht mehr vorstellen, dass die Ausfallstraßen mit Maschinengewehrnestern hinter Sandsäcken verbarrikadiert waren gegen vermutete Millionen von Hippies, die da gewaltbereit hinströmen würden. Die Politiker waren also auch nicht die Hellsten, oder haben aus Eigennutz die Bedrohung übertrieben. Letzten Endes waren es ja an die 10.000 Hippies, aber auch Ordensschwestern, Pfarrer, junge Politiker, PHD-Studenten, die mitdemonstriert haben. Nachdem die Geschichte jeden Abend im Fernsehen aktualisiert wurde und uns schon auf den Senkel ging, sind wir für sechs Wochen nach Hawaii verschwunden. Reiner Eskapismus. Der Vietnamkrieg holte aber einen auch dort ein, weil dort die ganzen GIs auf Urlaub waren, auch alle vollgeknallt bis unter die Schädeldecke, und einem die schlimmsten Sachen erzählen. Das war das Ende des Jahres 68.
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danke
literaryagenthank 2011-11-20 19:19:37
danke für dieses schöne und ausführliche interview. weissner ist einfach eine irre coole person und hat eine menge zu erzählen. super, dass das hier stattfindet!