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Café Anzengruber
In unserem Interview mit Julia Landsiedl, derzeitige Designerin-in-Residence am MAK und mitverantwortlich für das „Das Große Kaffeehaus-Experiment“ ebendort, haben wir gefragt, was denn ein Wiener Kaffeehaus ausmacht. Landsiedls Antwort war prägnant wie wahr: „Ein Kaffeehaus, in dem sich auch ein Wiener wohl fühlt.“ Das trifft zu auch wenn das Kaffeehaus eigentlich gar kein wirklich Kaffeehaus mehr ist, sondern der Name nur mehr Relikt seiner früheren Funktion ist.Das Café, das keines ist
Das Café Anzengruber ist so ein Ort. War es früher sehr wohl das, was der Name vermuten lässt, nämlich primär ein Kaffeehaus, so hat sich diese Funktionalität seit der Übernahme 1949 zunehmend geändert. Zwar sind die Zutaten einer traditionelle Wiener Kaffeehausinstitution wie Thonet-Sessel, Marmortisch und Billardtische zwar vorhanden, doch hat sich der Tagesbetrieb zunehmend auf die Abend- und Nachtbewirtung verschoben. Diese Verschiebung ist auch an den Öffnungszeiten ablesbar, so sperrt das Café seit ein paar Jahren erst um 16:00 Uhr überhaupt auf.
Nonchalant ranzig
Was das Anzengruber jetzt genau ist, weiß niemand so genau. Lässt die Einrichtung noch auf ein Wiener Kaffeehaus schließen, so deutet die kulinarische Auswahl eher auf ein böhmisches Wirtshaus hin, die Atmosphäre und das Publikum aus einer Mischung aus Beisl und Künstlerbar. Das Interieur ist nicht wie in vielen anderen Wiener Kaffeehäusern pompös-überladen, sondern schlicht, fast ein bisschen altmodisch mit seinen holzgetäfelten Wandnischen und den hohen, vom Zigarettenrauch vergilbten Stuckdecken. Aber das Anzengruber ist vor allem eines: gepflegt ranzig. Nirgends wird so nonchalant das Abgenützte, Abgewetzte zelebriert wie hier, man gibt sich keine Mühe, Möbel, Wände oder Speisekarte zu restaurieren, streichen oder neu aufzulegen, nein, hier sieht man dem Interieur sein Alter an, seine Gebrauchspuren. Aber trotz aller Nachlässigkeit wirkt das Anzengruber nicht verwahrlost, es wirkt eher wie ein lokalgewordener Bohème: ein bisschen verbraucht, ein wenig rüpelhaft aber mit einem nicht zu leugnenden Charisma. Und so wie das Lokal sind auch seine temporären Bewohner: Hier merkt man die Lage im Freihausviertel, die Gäste und Stimmung im Anzengruber wirkt immer eher so als würde man in einer Art öffentlichem Wohnzimmer stehen.
Böhmische Küche
Geht es ums Essen so täuscht das ranzige Interieur des Lokals: Die Speisenpreise für Klassiker der Wiener und Böhmischen Küche sind nicht ganz so günstig wie man es vielleicht anfangs erwarten würde. Dafür aber achtet Besitzer Tomi auf die Qualität, es gibt Menschen, die darauf schwören: Im Anzengruber gibt es das beste Wiener Schnitzel der Stadt (€ 12,50). (Böse Zungen wiederum behaupten, das Essen hier diene sowieso nur als geeignete „Unterlage“ für anschließende, alkoholische Exzesse.) Ansonsten gibt es hier eine wöchentlich wechselnde Karte, sowie eine übersichtliche Auswahl an Wiener Klassikern. Die Vorspeisen bewegen sich zwischen € 3,50 und € 6,-, Hauptspeisen bekommt man ab € 7,-.
Wie auch immer man das Essen im Anzengruber bewerten mag: Die Hauptgründe hierher zu gehen sind dann doch einfach Atmosphäre und seine Einzigartigkeit. Dieses Lokal ist und bleibt ein Wiener Unikat zwischen all den wie Schwammerl aus den Boden sprießenden hippen Läden im Freihausviertel.
| Ambiente - ranzig-charismatisch | Service - wienerisch | ||||
| Qualität - gut | Preis - angemessen | ||||
| Raucher / Nichtraucher |











































schöner satz
brandstetter 2011-06-09 18:07:36
wie ein lokalgewordener Bohème: ein bisschen verbraucht, ein wenig rüpelhaft aber mit einem nicht zu leugnenden Charisma. taugt, der satz
RANZENGRUBER
jehofer 2011-06-09 19:05:44
nur leider jetzt nichtraucher - in das aquarium geht doch kein mensch.