Kultur – Musik

Schallplatte Vinyl (c) STADTBEKANNT Hofinger
Schallplatte Vinyl (c) STADTBEKANNT Hofinger

Dave Matthews Band

28. Mai 2010 • Musik

Bands touren, Bands kommen in Städte, auch nach Wien. An sich noch keine große Sache, dass die US-Amerikanische Dave Matthews Band diesen Februar im Wiener Gasometer ein ausverkauftes Konzert gab. Für hiesige Fans kam das aber einer kleinen Sensation gleich, denn während die Band in den Staaten Jahr für Jahr hunderte Stadien bespielt und eine Anhängerschar in Nibelungen-, oder besser formuliert Grateful Dead-Treue hat, ließ sich die Truppe rund um in Südafrika geborenen Sänger und Songschreiber David J. Matthews auf europäischem Boden beinahe ein ganzes Jahrzehnt nicht blicken. Dies soll sich fortan ändern, so die Kampfansage der Band, die vor wenigen Tagen ihre Europatour beendet hat. Ein kurzes Portrait der Band.

Anfang der 1990er beschließt ein Barkeeper in Charlottesville, Virginia, ein paar lokalen Jazzgrößen seine Songs vorzuspielen und sie zu bitten, mit ihm eine Demoaufnahme zu machen. Diese willigen ein, finden Gefallen daran und bleiben dabei, beginnen zu proben, spielen ihre ersten Gigs in lokalen Bars. Eine lokale Gefolgschaft ist schnell gefunden, die immer größer wird, so groß, dass der wöchentliche Auftritt im „Trax“ stets aus allen Nähten platzt. In bester Grateful Dead Manier erlaubt die Band den Fans, die Konzerte mitzuschneiden, die Tapes auszutauschen,  „spread the word“ ist die Devise, und schnell erweist sich diese Strategie als goldrichtig: ohne einen Song veröffentlicht zu haben, singen Fans in Städten, in denen die Band zum ersten Mal live spielt, Wort für Wort mit: schnell wird der lokale Erfolg regional, und die Band tourt unerlässlich, bespielt jeden Hinterhof, jede Fraternity-Party, oft zwei Konzerte pro Tag, als es irgendwann gar nicht mehr geht lässt sich Matthews eine Kortisonspritze in den Hals geben und spielt den Gig dennoch.

Dass relativ bald die, damals noch allmächtigen, Plattenfirmen angeklopft haben, war abzusehen, die Band entschied sich aber erst mal dafür, per Eigenlabel zu veröffentlichen und aus dem Kofferraum herauszuverkaufen. Er würde seine Publishing Rechte nicht einfach so leichtfertig hergeben, meinte Matthews einst, irgendwann einigte man sich dann mit RCA und begann mit den Aufnahmen am ersten Album. „Under The Table And Dreaming“. Das Debüt der Band wurde von niemandem geringeren als Steve Lillywhite produziert und kam mit elf Songs daher, die den Straßentest über Jahre hinweg bestanden haben. Eigentlich hätte das Album ja jemand anders produzieren sollen, Lillywhite aber flog auf eigene Kosten zu einem Konzert der Band und überzeugte Matthews, dass er der richtige für den Job sei.

 Es dürfte fast ein wenig nerdy angemutet haben, wenn eine Band Anfang der Neunziger, in der Blüte des Grunge mit Geige, Saxophon und Akustikgitarre auftaucht, und die Bekanntheit der Band polarisiert heute noch: es scheint beinahe so, als gäbe es zwischen Matthews-hassen („cooperate hippie“, „fratboyband“ und dergleichen lauten oft auftauchende Vorwürfe) und eingefleischten Fans der Band. Die Venues jedenfalls wurden stetig größer, die Touren ausgiebiger, die Fans mehr. Hunderte Konzerte pro Jahr, und irgendwann mal zwischen den Touren ein zweites Album, wieder produziert von Lillywhite – und gleich der erste Track des Albums, „So Much To Say“, brachte einen Grammy. Von da an, so die Band, habe man gewusst, dass es endgültig verrückt werden wird, und dieses Versprechen hielt sich.

Das nächste Album, „Before These Crowded Streets“ zählt für Hardcore-Fans als heiliger Gral. Etwas dunkler als der Vorgänger, zeigt es die Band in einer großen Bandbreite an Sounds, Emotionen und Farben, musikalisch versiert und, einmal mehr, vielschichtig und genial produziert von Lillywhite, der eigentlich auch den Nachfolger produzieren hätte sollen – und hier beginnt so was wie ein Bruch in der Bandgeschichte.

Düster, depressiv sei die Stimmung im Studiogewesen, keiner hatte so richtig Spaß, Matthews soff zuviel, fühlte sich schuldig keine Hits liefern zu können, und irgendwo war in der Beziehung zu Lillywhite der Wurm drin. Die Sessions wurden abgebrochen, und die Plattenfirma riet Matthews, sich mit Glen Ballard zu treffen, mit dem er in 3 Wochen im Alleingang ein Album schrieb und erst dann die Band einfliegen ließ. Herauskam das eher halbgare Everyday, das zwar einige eingängige 3:30 Popsongs zu bieten hatte, von der Essenz der Band allerdings nur wenig zeigte. Irgendwie aber tauchten die geschassten Songs aus den Sessions mit Lillywhite auf, betitelt mit „The Summer So Far“, heute bekannt unter „Lillywhite Sessions“ und diese verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.

 Es hätte vielleicht das beste Album der Band werden können, voll mit epischen, dunklen Songs wie „Bartender“, „You Never Know“ oder „JTR“. Aufgrund der unglaublichen Reaktionen begab sich die Band ins Studio und nahm mit Steve Harris eine etwas unbeherzte Version der Lillywhite Sessions auf, die unter „Busted Stuff“ releast wurde.

 Das nächste Album gabs dann erst vier Jahre später und stellt für viele den Tiefpunkt des Schaffens der Band dar. Als Produzenten holte man sich Mark Batson ins Boot, der eigentlich eher aus dem R&B, Hiphop und Popbereich kam. Getourt wurde weiterhin unerlässlich, aber wie Matthews später zugab, kam es vermehrt zu Spannungen innerhalb der Band, die ein wenig musikalisch orientierungslos herumruderte.

Während den Aufnahmen zum aktuellen Album passierte dann eine Tragödie: Gründungsmitglied und Saxophonist LeRoi Moore hatte einen Unfall mit einem Quadrabike, von dem er sich nie mehr erholte. Die Tour ging weiter, mit Jeff Coffin von Bela Fleck & The Flecktones, einem alten Freund der Band, Matthews sprach oft davon, dass LeRoi bald wieder dabei sein würde. Am selben Abend, als Moore verstarb, war eine Show angesetzt. Die Band entschied sich, die Show unter Tränen zu spielen. „Our good friend LeRoi Moore passed on and gave his ghost up today and we will miss him forever“, sagte Matthews, und erzählte die Tour über immer wieder kleine Anektoten über den Saxophonisten.

„Big Whiskey & The Groo Grux King“, das aktuelle Album der Band, ist das Ergebnis der durchgerüttelten letzten Bandjahre. Zum ersten Mal sprach Matthews offen von Spannungen und Orientierungslosigkeit innerhalb der Band, der er kurzzeitig sogar auflösen wollte. Man hat sich aber dazu entschlossen, Moore mit dem neuen Album, produziert von Rob Cavallo (u.a. Green Day, My Chemical Romance), ein Denkmal zu setzen. Groo Grux, das war der Spitzname des Saxophonisten und gleichzeitig ein Insider-Jargon zwischen den Musikern. Ein abwechslungsreiches Album mit den Matthews-typischen Texten über Tod, Liebe, Gott und den immer etwas albernen Songs über Sex.

„I’m still here dancing with the Groo Grux King / we’ll be drinking big whiskey while we dance and sing / and when my story ends, it’s gonna end with him / heaven or hell, I’m going there with the Groo Grux King“, heißt es in „Why I Am“. Das Tanzen geht weiter, die Band begibt sich bald wieder auf ausgedehnte US-Tour. Und die Hoffnung auf ein weiteres Album mit Steve Lillywhite, die stirbt als DMB-Fan zuletzt.

 

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