Kultur – Film / TV

Filmcasino (c) STADTBEKANNT
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Das Wort zum Tatort vom 5.12.2010: Familienbande

6. Dezember 2010 • Film / TV

Schon die dramatische Zeitlupen-Eingangssequenz vom Fund der Leiche (inklusive klassischem „Neeeeeeeeiiin“-Urschrei und Pathos-triefender Orchestermusik) machte deutlich, dass es dieser Tatort mal wieder etwas zu gut gemeint hat. Zu den Fakten: der neunjährige Marc soll von jemandem in die Kühlkammer eines Bauernhofes gelockt und mittels ausgelösten Kurzschluss dort eingeschlossen worden sein – der Tod folgt durch Erfrieren. Nach der „packenden“ Anfangsszene machte sich allerdings schnell Verwirrung breit.

Unsere kleine Farm

Denn genauso kompliziert wie der Mord stellen sich auch die Beziehungskonstellationen in dem Dorf dar: „jeder mit jedem“ trifft es relativ genau, und die unnötige Vielzahl an Motiven und Verdächtigen würde den Rahmen des Artikels sprengen. Nur soviel: sofort ist allen klar, wer den Mord begangen haben soll: Iris, die Besitzerin des Hofes, eine Lesbe vor dem Herren und damit sowieso eine Teufelin, erst recht, nachdem sie mit der Mutter des Kindes ein Verhältnis hatte. Die Hexenjagd beginnt also schnell: falsche Zeugenaussagen, Kranzdiebstähle und Torbeschmierung – das ganze Programm dörflichen Terrors eben. Dass sie mit dem Tod von Marc allerdings gar nichts zu tun hatte, weil der ja dann doch nur ein blöder Unfall war, merken die Ermittler erst als es zu spät ist – denn die Hexenjagd gipfelt im Mord an Iris. Begangen wurde der von der wahnsinnigen Oma von Marc, die die lesbische Liebe ihrer Tochter nicht akzeptieren wollte.

Zuviel ist zuviel

Mit dem „gesellschaftskritischem Thema“ Homosexualität hat man sich ja einiges vorgenommen, der Tatort war im Endeffekt aber doch eine sehr dünne Suppe: nachdem sich die Ermittler eine Stunde lang im Kreis drehen und irgendwie keinen Täter finden, weil ihr Mord ja doch nur ein Unfall war, passiert kurz vor Schluss doch noch ein richtiges Verbrechen – das dann innerhalb von fünf Minuten aufgeklärt wird. Mit dem zusätzlichen Handlungsstrang von Schenks arbeitsloser Tochter wollte man wohl noch zum sozialen Rundumschlag ausholen – wenn schon gesellschafskritisch, dann richtig – nur leider war dieser genauso konstruiert wie der restliche Tatort und hatte nichts mit dessen Handlung zu tun: ob das nun die Verwirrungstaktik oder eine Methode um Zeit zu schinden war, bleibt dahingestellt.

Bilanz: ein totes Kind, eine tote Frau, zwei kaputte Familien.

Max Ballaufs Fazit: „Gibt es überhaupt noch heile Familien?“ lässt sich sehr einfach beantworten – beim Tatort wohl eher nicht. Wenigstens die Lesbe wurde am Ende „geheilt“: sie kehrt wieder zu ihrem Mann zurück – womit der Tatort sein „Plädoyer für Toleranz“ auch noch erfolgreich kompromittiert hätte.

Im Topkino gibts übrigens jeden Sonntag ein Tatort Public Viewing – bei freiem Eintritt und mit dem Highlight Snipcard Täterraten, bei dem es auch noch Freigetränke zu gewinnen gibt. Snipcards findest du an diesen Standorten.

Raphael Maria Dillhof„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss.“

 

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