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Filmcasino (c) STADTBEKANNT
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Das Wort zum Tatort vom 21.11.2010: „Unsterblich schön“

22. November 2010 • Film / TV

Der Münchner Tatort „Unsterblich schön“ zeichnet bereits in der Eingangsszene eine Art „Desperate Houswives meets Dr. Worseg“-Bild: Damen im besten Alter lassen sich am Pool eines Nobel-Spas ihre Fältchen ausbessern während Sie über George Cloony und Brad Pitt philosophieren. Bald darauf geschieht der Mord: die Besitzerin des Spas – natürlich gleichzeitig Bussi-Bussi-Freundin der Damen – wird tot im Schokobad aufgefunden. Todesursache war ein künstlich herbeigeführter Allergieschock sowie unterlassene Hilfeleistung: am Tatort war nämlich zur Tatzeit jemand anwesend, darüber besteht nach kurzen Ermittlungen kein Zweifel mehr.

Die liebe Familie

Das nähere Umfeld des Opfers wird nun also unter die Lupe genommen, und wie immer gilt: je schöner die (geliftete) Oberfläche desto maroder der Untergrund; in der Familie kocht offenbar jeder sein eigenes (Kraut)-Süppchen, und sehr bald kommen also die zahlreichen Affären der Beauty-Queen zu Tage, die nicht einmal vor dem Ehemann ihrer eigenen Schwester halt macht – der mögliche Täterkreis reduziert sich also (leider zu) schnell auf die eifersüchtige Schwester und auf den betrogenen Ehemann: die eine also, die nie gut genug war, und der andere, der bald sein Ablaufdatum erreicht haben wird: die Welt der Eitelkeiten ist nämlich grausam und kurzlebig.

Mens sana in corpore sano?

Wenn die Mutter über der Nachricht vom Tod ihrer Tochter keine Miene verzieht, man aber nicht weiß, ob das nun an deren emotionaler Kälte liegt oder an der letzten Lifting-Behandlung, dann weiß man, dass der Cast ganze Arbeit geleistet hat. Großartig auch „Unser Lehrer Dr. Specht“-Robert Atzorn als alterndes Model und betrogener Ehemann der Toten der eine Art Meta-Acting betreibt, wenn er als Schauspieler den Polizisten nur vorspielt dass er eigentlich nur schauspielert, sowie die Freundinnen des Opfers, die wie Gespenster durch die Welt wandeln, rastlosen Zombies auf der Suche nach der nächsten Schlammpackung gleich – alles leicht überzeichnet, aber nach einigen Folgen „Ein Leben für die Schönheit“ auf ATV durchaus glaubhaft.

Vanitas vanitatum – omnia vanitas!

Fast ein klassisches Memento Mori war dieser Tatort – der Tod als Hauptfigur, der dem Zirkus der Eitelkeiten ein jähes Ende bereitet und der jeden Schönheitswahn ad absurdum führt, und auch der schwer symbolhafte und symbolbeladene Todeskuss (mit der Allergie-auslösenden Erdnuss) kann beinah schon als Vanitas-Motiv gelesen werden. Auch die Arbeit mit Rückblenden und und die tolle Besetzung ließen den Tatort zum Vergnügen werden – einziger (Schönheits)fehler: wenn alle möglichen Täter ein ähnliches Motiv haben, und auch alle absurderweise in der gleichen Nacht am Tatort waren, dann ist die Auswahl des Täters am Ende eigentlich reine Willkür – was Täter-raten erschwert und irgendwie auch den Aha-Effekt nimmt. Trotzdem: fünf von fünf Botox-Spritzen für „Unsterblich schön“.

Raphael Maria Dillhof„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss.“

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