Kultur – Film / TV

Filmcasino (c) STADTBEKANNT
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Das Wort zum Tatort vom 19.12.2010 – „Nie wieder frei sein“

20. Dezember 2010 • Film / TV

Starker Tobak beim diesmaligen Tatort: Markus Rapp, ein (mutmaßlicher) Mörder und zweifacher Vergewaltiger steht vor Gericht – und kommt wegen formaler Mängel frei. Das Urteil schlägt hohe mediale Wellen, und nicht nur für Opfer und Angehörige bricht eine Welt zusammen: auch die beiden Kommissare Batic und Leitmeyr, die die damaligen Ermittlungen geleitet haben, stehen nun wieder am Anfang – sind aber mit ihrem Latein am Ende. Als dann auch noch das schwer traumatisierte zweite Opfer spurlos verschwindet spitzt sich die Lage zu: hat Markus Rapp seine Tat vollendet? Doch plötzlich wird auch dieser ermordet aufgefunden…

Das Gegenteil von gut…

…ist gut gemeint: das brisante Thema und der neue, beinah Colombo-eske Zugang zum klassischen Tatort-Krimi war durchaus eine gute Idee und der Fokus auf rechtliche Grundlagen und Prozessgeschehen war ebenfalls sehr interessant anzusehen und eine willkommene Abwechslung, denn dieser Teil der polizeilichen Arbeit wird ja beim Tatort häufiger vernachlässigt. Doch leider kam nach der beklemmenden Eingangsszene vom Entsorgen des nackten Opfers keine Krimi-Stimmung mehr auf: die anschließende Verhandlung hatte nämlich das Niveau einer Folge von „Richterin Barbara Salesch“ – nicht nur was den Prozessverlauf und das künstlich-polemische Herumschreien der furchtbaren Dialoge anging, auch die schauspielerische Leistung überschritt nie das Niveau von Laiendarstellern in Nachmittagsshows. Nachdem also bei dem Prozess alles schief ging was nur schief gehen kann und eine frisch von der Uni kommende Pflichtverteidigerin die Ermittler (mit immerhin dreißig Jahren Prozesserfahrung) vorgeführt und den Täter rausgehauen hat, ging der Tatort auf diese Weise weiter.

Die Verwirrungen der Sendung Tatort

Was danach passierte war völlige Verwirrung: die Ermittlung ging in keine nachvollziehbare Richtung oder war schlichtweg nicht vorhanden – eine lockere Abfolge von gefühlten zehn Raufereien (der Vater des Opfers gegen dessen Mutter, der Vater des Täters gegen den Täter, die Ermittler gegen Täter, der Vater des Täters gegen die Ermittler…) und Figuren die keinem Zweck dienten (wie etwa die Schwester des ersten Opfers) überbrückten die Zeit bis zur „Auflösung“ – die dann relativ banal ausfiel: Melanie Bauer hat sich nur in einer Hütte versteckt und Markus Rapp wurde von seiner eigenen Verteidigerin ermordet, weil er ihr gestand dass er es – große Überraschung – doch getan hat. Und natürlich greift eine Anwältin da erstmal zum Küchenmesser bevor sie noch eine Anzeige einbringt.

Bilanz

Alles in Allem hatte der Tatort Potential, ist aber leider komplett misslungen. Die Handlung war kaum nachvollziehbar, platt und ohne Überraschungen, die Charaktere blieben eindimensional – etwa der Klischee-Nerd-Vergewaltiger der selbst dann noch vor dem Laptop sitzt wenn er mit seiner Verteidigerin den Fall durchgeht – keiner der Schauspieler hat seine Rolle überzeugend gespielt und Dialogzeilen wie „Ich bin nicht so stark wie mein Mann und er verachtet mich wegen meiner Schwäche“ werden auch nicht glaubhafter wenn sie gebrüllt werden.

Raphael Maria Dillhof

„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss."

 

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