Kultur – Film / TV

Filmcasino (c) STADTBEKANNT
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Das Wort zum Tatort vom 12.12.2010 – „Schön ist anders“

13. Dezember 2010 • Film / TV

Jörg Korsack, unbeliebter Personalleiter der städtischen Verkehrsbetriebe Leipzig, wird tot im Kofferraum eines verunfallten Wagens gefunden. Der wurde – eh klar – als gestohlen gemeldet, gehört aber eigentlich dem Mann von Moni Fischer, einer Mitarbeiterin Korsacks – und deren Sohn liegt mit 4 Promille und schweren (Unfall?)-Verletzungen im Krankenhaus und ringt mit dem Leben. Wer da Hauptverdächtiger ist braucht wohl nicht näher erläutert werden. Im erweiterten Kreis der Verdächtigen: Korsacks Frau, die seine ständigen Affären jahrelang duldet. Dass seine neueste Geliebte jetzt von ihm schwanger ist, lässt sie aber auch nicht ganz kalt.

Mord aus Mitleid

Was natürlich (wie im richtigen Leben) erst nach und nach klar wird: Moni Fischer ist schwere Alkoholikerin, und ihre Familie und Kollegenschaft tun alles um sie zu decken. Wo sich der Tatort normalerweise mit derartigen „Milieustudien“ und „gesellschaftskritischen Themen“ sehr schwer tut, gewinnt er in diesem Fall dadurch wirklich an Atmosphäre und Glaubwürdigkeit. Die Co-Abhängigkeit von Monis Mann Uwe (Martin Brambach, dieses Jahr immerhin in fünf Tatorten zu sehen!), der alkoholbedingte Todeskampf des Sohnes und die hoffnungslose Lage der jungen Tochter gehen wirklich unter die Haut. Uwe Fischers Kampf gegen die Windmühle Alkoholsucht gipfelt im Kampf gegen die Kündigung seiner Frau: denn die dritte Abmahnung von Seiten Jörg Korsack hätte ihre Entlassung bedeutet. Der Chef musste also Weg. Täter war aber überraschenderweise nicht der Ehemann (der nur Komplize blieb) sondern ein Kollege Monis und „Freund der Familie“, dessen wahres „Verhältnis“ zu Moni aber bis zum Schluss unklar blieb.

Die Schwächen

Wie immer wird der Tatort da ganz dünn, wo er versucht die Familienverhältnisse, Liebesgeschichten und Hintergrundgeschichten der Ermittler zu beleuchten. Eva Saalfeld braucht also dringend wieder „einen Mann im Bett“ und Andreas Keppler vergnügt sich in seiner Pension mit italienischen Touristinnen. Dass da vieles nur angedeutet blieb und nicht televisionär durchexerziert wurde kann man dem Tatort zu gute halten, aber immerhin wissen wir jetzt, dass der Saalfelds Sex mit Keppler „sensationell“ war. Dass Keppler als trockener Alkoholiker einfach mal so eine Nacht durchzecht wirkt allerdings doch sehr unglaubwürdig. Etwas unnötig drastisch fiel auch der Besuch von Korsacks Frau bei dessen schwangerer Geliebten aus: der unausweichliche Streit eskaliert, die Bilanz der Messerstecherei: die eine tot (die Frau), die andere schwer verletzt (die Geliebte). Eine Leiche pro Tatort reicht wohl nicht. Dass die Szene dramaturgisch überhaupt nicht in den Tatort passte zeigt auch die Tatsache dass die Beiden danach nie wieder erwähnt wurden (oder hab ich da was verpasst?).

Denkt denn niemand an die Kinder?

Der wahre Täter war also diesmal der Alkohol, das wahre Opfer: die kleine Tochter von Moni Fischer, deren Schicksal völlig im Dunkeln bleibt. Der Vater im Gefängnis, der Bruder auf der Intensivstation, die Mutter Alkoholikerin. Dass das Jugendamt aber bis zum Schluss mit keinem Wort erwähnt wurde kann man dem Tatort auch als allzu bitteren Realismus auslegen.

Raphael Maria Dillhof„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss.“

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