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Das Wort zum Tatort vom 10.4.2011 – „Jagdzeit“

17. September 2011 • Film / TV4 Kommentare zu Das Wort zum Tatort vom 10.4.2011 – „Jagdzeit“

Gerd Zach wird morgens an einer Tankstelle in einem Münchner „Problemviertel“ aufgefunden, Tatwaffe war sein eigenes Jagdgewehr. Die gute Nachricht für die Münchner Ermittler: die 14 jährige Nessie war Zeugin der Tat. Die schlechte Nachricht: sie möchte die Identität des Täters partout nicht preisgeben.

Raivoli und Haferlocken

Gerd Zach war eigentlich auf der anderen Seite der Einkommensschere zuhause und nebenberuflich Wohltäter – er betrieb in eben diesem Viertel einen Billigsupermarkt für Hartz4-Empfänger. Unter seinen Kunden befanden sich auch Nessie und ihre alkoholkranke Mutter, die seit dem Tod ihres Exfreundes auch noch unter Angststörungen leidet. Klar, dass Nessie deshalb in der Schule auch als „fettes Opfer“ tituliert und von ihren Mobbern zum Pillenstehlen gezwungen wird, und für fünf Euro am Tag einer pflegebedürftigen Dame die Windeln wechselt. Dabei befindet sich Nessie natürlich in ständiger Gefahr, denn der Täter hätte die unliebsame Zeugin wohl lieber aus dem Weg.

Die Verdächtigen

Durch Nessies Schweigen müssen die Kommissare also auf gute alte Ermittlerarbeit zurückgreifen und bald wird klar, dass auch Zach selbst große Geldprobleme hatte, die er dadurch auszugleichen versuchte, indem er die „Hartzer“ um ihr Erspartes betrog. Vor allem Rudi Kandler war in dieser Hinsicht verdächtig, ist er doch schon wegen eines tätlichen Angriffs auf Zach vorbestraft. Ein anderer Verdächtiger kommt erst später ins Spiel: Xaver Heintel, der Ziehsohn und ehemalige Mitarbeiter Zachs, der mit dessen Witwe – Typ „bayrische Femme Fatale“ – ein Verhältnis hat und Nessies Mutter seit Zachs Tod finanziell unterstützen will. Als Nessie dann wegen ihrer verschwundenen Schultasche von zu Hause ausreißt und Heintel deshalb ihre Mutter bedroht, fällt es der wie Schuppen von den Augen: Heintel ist nur deshalb so nett, weil er die Familie aushorchen will – denn er ist offenbar Zachs Mörder. Daraufhin greift die angstgeplagte Frau zur Schere und ersticht den Mann, in der Zwischenzeit wird Nessie gefunden, kuschelnd in der Räuberhöhle der Mobbing-Gang.

Errm…

Für subtiles Understatement war in diesem Tatort kein Platz – Thematik, Drehbuch und schauspielerische Leistungen vieler Nebendarsteller erinnerten an RTL2 Doku-Soaps, die vereinzelten Comedy-Einlagen verbesserten diesen Eindruck nicht unbedingt. Der Sturm auf den Billigsupermarkt und die Treibjagd auf Nessie, bei der gefühlte hundert Beamte den winzigen Wohnblock durchsuchten, konnten unmöglich ernst gemeint sein, und dass die dicke Nessie auf ihrem Fahndungsfoto dann auch noch eine Wurstsemmel in der Hand hatte, war dann endgültig die Krönung.

Zusätzlich wies das Drehbuch riesige Löcher auf und passte vorn und hinten nicht zusammen. Die Nummer mit dem Anrufbeantworter hat dem Tatort dann in der letzten Minute noch endgültig den letzten Rest an Schlüssigkeit geraubt – denn warum beteuert Xaver Heintel vor Zachs Frau seine Unschuld, wenn diese ihn selbst auf den Mord angesetzt hat? Die Sache mit dem Ring blieb ebenfalls unaufgeklärt: woher hatte Heintel den Ring, wenn Kandl ihn an Zach verkauft hat? Die letzte Frage bleibt allerdings nicht unbeantwortet: was wird aus Nessie? Ganz klar: die wird von ihrem ehemaligen Mobber adoptiert und wird Ärztin. Na dann…

Die diesjährigen Tatort Rezensionen:

13.2.2011 –  „Stille Wasser“
9.1.2011 – „Unter Druck“
2.1.2011 – „Tödliche Ermittlungen“
16.1.2011 – „Der schöne Schein“
23.1.2011 – „Heimatfront“
20.2.2011: „Rendezvous mit dem Tod“
27.2.2011 – „Leben gegen Leben“
6.3.2011: „Vergeltung“
20.3.2011 – „Mord in der ersten Liga“
27.3.2011 – „Im Netz der Lügen“
3.4.2011 – „Edel sei der Mensch und gesund“

Im Topkino und seit neuestem auch im Schikaneder gibts übrigens jeden Sonntag ein Tatort Public Viewing – bei freiem Eintritt und mit dem Highlight Täterraten, bei dem es auch noch Freigetränke zu gewinnen gibt.

Raphael Maria Dillhof„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss.“ (Agamben)

 

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4 Antworten auf Das Wort zum Tatort vom 10.4.2011 – „Jagdzeit“ – Verstecken

  1. jetty sagt:

    nessie?
    wie alt war die nessie in wirklichkeit? die sah aus wie 18.

  2. Charles sagt:

    Oweia
    alles wirklich ganz grottenschlecht. Der Tatort wurdde vollgepackt mit Handlungssträngen, wohl um die Sozialproblematik möglichst umfangreicht auszurollen, dabei blieb die Logik auf der Strecke. Aber auch die Sozialproblematik wurde überzeichnet bis zum geht nicht mehr. Hartzerin als Mutter natürlich Alkoholikerin und depressiv. tochter muss allerlei Nebenbeschäftigungen nachgehen undundund. War diesmal echt schwach.

  3. alexa sagt:

    @charles
    diesmal? na eh immer eigentlich oder…? kann mich nicht erinnern an den letzten guten tatort, so lange ist das her.

  4. rmd sagt:

    @alexa
    der tatort ist IMMER schlecht, nur das ausmass unterscheidet sich von woche zu woche. aber irgendwie schaut man ja trotzdem, oder gerade deshalb?

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