Kultur – Film / TV

Filmcasino (c) STADTBEKANNT
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Das Wort zum Tatort – „Die Unsichtbare“

15. November 2010 • Film / TV

Eine namenlose Leiche wird am Seeufer gefunden, nach kurzer Zeit wird klar dass es sich um eine seit Jahren illegal in Deutschland lebende Ukrainerin handelt. Während die Kommissare Lannert und Bootz ermitteln, begeben sich die Kinder der Toten – um der drohenden Abschiebung zu entgehen – auf eine Winterreise durch Stuttgart.

Klischee, Kalauer und Komödie

Was klingt wie eine spannende Milieuschilderung, ein Versuch Position zu beziehen – vor allem hier in Österreich hat die Thematik durch die Fektersche Abschiebepraxis ja besondere Aktualität und Brisanz – wurde leider immer wieder durch ein starkes Überzeichnen der Charaktere und durch absurde Situationen entschärft. Das Potential des Krimis, zum Nachdenken zu bringen wurde durch mangelnde Behutsamkeit verschenkt – zu einfach machte man es gestern dem Zuschauer, das Ganze als hanebüchenen Unsinn abzutun, obwohl sich Geschichten wie diese europaweit wohl Tag für Tag abspielen. Die im Minutentakt kommenden Gags und Slapstick-Elemente, etwa wenn sich Lannert von einem zwölfjährigen Jungen in eine Telefonzelle sperren lässt, nicht ohne ihm vorher noch ein Beweisstück ausgehändigt zu haben, unterbrachen diesen Denkprozess leider immer wieder. Das Verstecken von Zeugen, die Lücken in den Berichten und der Beweisführung und das „Gutmenschen“-Gehabe der Kommissare mögen charakterlich edel sein, in einer Mordermittlung wirken sie etwas naiv. Dazu kam noch die perfekte Riege der Klischee-Gestalten: der ausbeuterische Besitzer eines Verstecks für (sogenannte) Illegale, der beflissene Beamte der Einwanderungsbehörde mit Dreck am Stecken, und als dann als Verdächtiger der hornbebrillte Bilderbuch-Spiesser Dr. Winterberg als Millionärinnengatte aufgetischt wurde drohte der Krimi endgültig ins komödiantische zu kippen.

Der erhobene Zeigefinger

Aber nicht alles war gestern zum Lachen: auch der Tatort-typische erhobene Zeigefinger saß mal wieder locker, und auch sonst wurde eher geklotzt als gekleckert. Die pathostriefenden Dialoge zwischen den beiden verirrten Kindern waren viel zu dick aufgetragen – genau wie deren Schmutz-Make-Up nach einer Nacht im Freien. Dialogkostprobe zwischen einem Zwölfjährigen und einer (natürlich herzkranken) Neunjährigen? „Ich sorge ab jetzt für dich, ich kann schon arbeiten!“ – „Aber wir sind doch nur Kinder, wir können noch nicht alleine leben“ – „Kapiers doch endlich, ohne Papiere sind wir Scheiße und müssen die Scheiße von anderen wegwischen!“ – wir haben’s kapiert, danke. Als die Maske gegen Ende auch noch meinte, sie müsse den Beiden Augenringe wie Pete Doherty zu seinen besten Zeiten aufmalen wurde das ganze mehr zur Halloweenklamotte. Die ebenfalls Tatort-typische Kindersuchaktion am Ende war natürlich auch erfolgreich – mit einer wunderschönen Bruder-Schwester Pietà-Nachstellung als Belohnung.

Ende gut – alles gut.

Und um dem Zuschauer wirklich jede Form von Reflexion und Denkprozess zu ersparen, bekommen die beiden am Ende doch noch ihre Papiere – der Junge bekommt eine Art humanitäres Bleiberecht, das Mädchen hat – Überraschung! – doch einen deutschen Vater. Die Schlussszene im Spital hielt noch einen netten One-Liner bereit, als der behandelnde Arzt lakonisch zu dem Jungen meint: „Deine Schwester hat das schlimmste überstanden, auf Wiedersehen!“ und abzieht – Ende gut, alles gut. Oder?

 

Raphael Maria Dillhof„Es scheint so, dass in unserer Kultur das Leben dasjenige ist, was nicht definiert werden kann, aber gerade deswegen unablässig gegliedert und geteilt werden muss.“

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