Kultur – Musik

Schallplatte Vinyl (c) STADTBEKANNT Hofinger
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Das trojanische Pferd – Live im Ragnarhof

29. Mai 2010 • Musik

Eigentlich geh‘ nicht mehr auf Konzerte. Oder nur noch selten. Irgendwann wurde mir das alles zu viel. Zu viel Zeit darauf verwendet vorauszuplanen um danach zu oft enttäuscht von dannen ziehen zu müssen. Um mich doch noch auf das ein oder andere Spiel einzulassen, muss man mich fast an der Hand hinführen und mir so wenig wie möglich drüber sagen. So geschehen letzten Mittwoch, dem 20. Mai. Ich würde mit Sicherheit zu spät da sein, aber was soll’s, dachte ich …

Ich hab‘ mich getäuscht. Am Ragnarhof angekommen, wehte mir die laue frühsommerliche Luft erst nur ein paar verzerrte Töne um die Ohren. Doch als sich die Tür zum Ort des Geschehens öffnete, erhob sich die gedämpfte Stimme von vorhin bis kurz vor den Überschlag. Sie schrie. 

„Was nützt der Weltraum ohne Romy Schneider“ sang Hubert Weinheimer neben dem Bauch eines Cellos, und erst als ich mich nach vorn, durch die Körper mit ihren konzentrierten Gesichtern geschlängelt hatte, erkannte ich auch den zugehörigen Cellisten Hans Wagner aus Berlin. Gemeinsam nennen sie sich „Das trojanische Pferd“. Mit den unzähligen Gästen dieses Abends, die einer nach der anderen auf die Bühne gehyped wurden, gaben sie eine wunderschöne Performance zwischen klassisch gleitenden Melodien und den zurückhaltend stürmischen Akzenten einer Gitarre, die uns Weinheimers Poesie über seinen ganz persönlichen Weltschmerz sanft in den Rücken massierte. Je länger ich dem Treiben auf der Bühne beiwohnen durfte, umso vertrauter wurde mir die Stimme des jungen Oberösterreichers. Mal brach sie gefühlvoll und asynchron über den Inhalten der Songs zusammen um sich dann aus dem Nichts auf den Weg zu machen, Herzen zu zerreißen. Und ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen, dachte ich daran mit siebzehn Jahren Dirk von Lowtzow zu lauschen, nur erwachsener. Ich war froh da gewesen zu sein und weder die Hitze, noch mein lästiger Platz an der Ameisenstraße zur Bar konnten dem Treiben was anhaben. 

Am Ende ließen uns die Talente vom „trojanischen Pferd“ staunend zurück, als sie sich mit „Fahrstuhlmusik / Mein Herz schlägt mich innerlich tot.“ verabschiedeten: Wie an ein Mantra gefesselt ließen sie den Satz im Choral und mit letzter Kraft der Instrumente über das Publikum hinweg schweben, nur um ihn von der Wand reflektiert von Neuem aufzugreifen. Und von Neuem. Und nochmals, bis zur Unkenntlichkeit. Bis er schließlich in sich selbst aufgehen konnte…

„Das trojanische Pferd“, so heißt auch das Debütalbum der Band – gerade eben erschienen auf Cheap Records. Prädikat: Ans Herz gelegt.

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