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© Stewart Butterfield
© Stewart Butterfield

Das Burning Man Festival

13. August 2013 • Lifestyle

Legendäres Experimental-Festival

Vor 27 Jahren feierte der an Liebeskummer leidende Larry Harvey zum ersten Mal mit einer kleinen Runde von Leuten am Strand von San Francisco ein kleines Fest, im Rahmen dessen sie einen aus Holz gebastelten Mann verbrannten.

Was bereits an sich rituell anmutet, ist nun – einige Jahre später und um viele Dimensionen größer – ein fixer Bestandteil des amerikanischen Sommers, der Menschen aus aller Welt in die Wüste Nevadas lockt, wohin das Festival nach einigen Jahren verlegt wurde. Als kleiner Rave begonnen, ist das Burning Man Festival mittlerweile ein Gesamtversuch im temporären Gemeinwesen, der alle Jahre wieder für ein paar Tage gestartet wird.

Mitten in der Wüste von Nevada entsteht jährlich ‚Black Rock City‘, eine künstliche Stadt für 60.000 BewohnerInnen. Bei dieser Zahl hat der Gründer Larry Harvey die Grenze angesetzt, um zu verhindern, dass die Qualität unter den Menschenmassen einbrechen könnte. Das zeigt bereits den antikapitalistischen Esprit, den Burning Man in den Augen vieler AnhängerInnen ausmacht. Auf dem gesamten Gelände der fiktiven Stadt gibt es genau zwei Produkte käuflich zu erwerben: Kaffee und Eis. Alles andere muss mitgebracht werden, was in der Vergangenheit bereits zu florierendem Tauschhandel führte und Menschen dazu veranlasste, lediglich mit Unmengen an Wasser anzureisen, um dieses im Laufe der Woche gegen alles anderweitig Benötigte einzutauschen. Diesen Markt versucht man jetzt von Seiten der Organisatoren wieder einzudämmen und bewirbt das Konzept vom Schenken, also Dinge bedingungslos an Andere weiterzugeben.

Das wiederum basiert auf der Idee, dass man sich gemeinsam um das kollektive Überleben kümmert und sich in einer Experimental-Community für die Dauer der Woche zu einem Ausmaß auf andere Menschen verlässt, wie das im regulären Leben nicht möglich zu sein scheint. Dazu gibt es in Anlehnung an die katholische Lehre zehn Gebote, die unter anderem das Prinzip der Eigenverantwortlichkeit postulieren. Aus diesem und anderen, naturschützenden Gründen gibt es zum Beispiel auch keine Mistkübel auf dem gesamten Areal. Jede/r bringt alles her und nimmt danach auch alles wieder mit, um keine Spuren von sich zu hinterlassen. In punkto Regeln nimmt man sich von Seiten der VeranstalterInnen sonst sehr zurück – abseits von grundsätzlichen Regelungen, welche die kollektive Sicherheit gewährleisten sollen, ist alles den Teilnehmern überlassen. Diese Bezeichnung zieht man bewusst jener der ‚BesucherInnen‘ vor – alle, die kommen, sind Teil des Projekts.

Um das voll auskosten zu können, werden keine Tagestickets verkauft. Wer sich die eigenständige Anreise 75km entfernt von Reno zumutet, möchte dann aber wahrscheinlich ohnehin nicht sofort wieder abreisen. Die Tickets sind gestaffelt, damit subsidieren sozusagen einkommensstärkere Gäste ihre studentischen und anderweitig finanzschwachen MitbürgerInnen auf Zeit. Die Ticketpreise bleiben mit 300,- Euro für acht Tage moderat. Marketing wird abseits von Mundpropaganda nicht betrieben, daher kommt man auch um Sponsoren herum.

Abseits von Musik lebt das Festival vor allem von Kunst. Jedes Jahr werden riesige Skulpturen und Gebäude aufgestellt, neben dem gigantischen Holzmännchen, das am Ende angezündet wird und dem Festival seinen Namen gibt. Nachdem aber auch hier kein Verkauf betrieben wird, wird verhindert, dass sich das Ganze in einen artesanas-Trödelmarkt verwandelt. Um sich auf dem Festival fortzubewegen, bringen viele ihre Fahrräder mit. Noch bunter wird das Ganze durch die Kostüme, die man motiviert wird, mitzubringen. Versorgung wird großgeschrieben, es gilt, sich auf extreme Wetterbedingungen einzustellen: in der Wüste kann es tagsüber bis zu 40°C haben und nachts frieren.

Reguläre Festivals bestechen im Gegenzug dazu meist durch Mainstream-Konsens-Bands, welche die Hintergrundmusik für ungezügeltes alkoholisches Erleben in einem bis auf einige ökonomische Grundregeln rechtlosen Raum bildet. Das hat zur Folge, dass die Mehrheit der davon Angelockten noch zur Schule geht, und Ältere gar nicht erst hingehen. Aber auch hierzulande machen sich langsam Veränderungen bemerkbar, die andeuten, dass Raum geschaffen wird, um auch BesucherInnen deutlich jenseits der 25 zufriedenzustellen. Am Frequency Festival gibt es mittlerweile den sogenannten Green Camper Bereich, der abgetrennt von der allgemeinen Festivalmüllhalde anderes Campen und dementsprechend ein anderes Festivalerlebnis ermöglichen sollte. Dort wird der Abfall sofort entsorgt und laute Musik aus mitgebrachten Anlagen vermieden, da für dies bei Bedarf ohnehin die Bands besorgen. Die Veranstalter pochen darauf, dass in dem eingezäunten Bereich gegenseitiger Respekt herrschen soll.

Ob sich das Konzept hinter dem Green Camper Bereich durchsetzen wird, bleibt abzuwarten. Für viele widerspricht sie der Motivation, überhaupt ein Festival zu besuchen. Diese besteht nämlich nicht in der Suche nach Lebensqualität, sondern vielmehr um für einige Tage ausserhalb der normalen Regeln tun und lassen zu können, was sonst nicht möglich wäre.

Wen das Konzept des Experimental-Festivals Burning Man anspricht, kann für 2014 seine Teilnahme planen, da für heuer bereits alle Tickets verkauft sind. In der Zwischenzeit gibt es für Daheimgebliebene oder SkeptikerInnen einen Livestream, auf dem vom 26. August bis 2. September das Geschehen verfolgt werden kann.

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