Lifestyle – Im Gespräch

Stephansdom Wienblick (c) STADTBEKANNT
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Clemens Haipl

28. Mai 2010 • Im Gespräch, Literatur

Kennen tut Clemens Haipl eh jeder. Entweder als Kabarettisten, als einen der drei Hauptprojektleiter des „Projekt X“-Triumvirats, als Buchautor, Kolumnisten, Musiker oder, ganz früher noch, als Bacher noch den ORF schmiss, als Mülltonne in der Fernsehsendung „Montevideo“ (auch wenn er das wahrscheinlich schon nicht mehr hören kann). Dass Haipl aber nicht nur in der ersten Reihe lustig ist, sondern auch in zweiter Reihe als Schreiber, Redakteur und Konzeptentwickler (u.a. Sendung ohne Namen) die hiesige Medien- und Kulturlandschaft mitprägt, ist vielen weniger bekannt. Soeben ist sein neues Buch „Sind wir bald da? Clemens Haipl sucht den Jakobsweg“ über den Residenz Verlag erschienen. Stadtbekannt bat um Audienz.

Clemens Haipl zu treffen, bedeutet in erster Linie also eines: jede Menge Gesprächsstoff. Als erstes wäre da sein soeben erschienenes Buch, sein Drittes nach der 2008 erschienenen Kolumnensammlung „Ich scheiß mich an“ und dem gemeinsam mit Florian Scheuba geschriebenen „Die 100.000 wichtigsten Österreicher“ (dessen Kapitel über Barbara Rosenkranzs Familienstammbaum in letzter Zeit, nicht zuletzt durch den „Lichtertanz gegen Rosenkranz“, wo Scheuba dieses Kapitel vorlas, wieder aktuell war).

Den Jakobsweg hat er also gesucht, nachdem der Residenz Verlag an ihn herangetreten ist mit der Anfrage, ob er sich ein solches Buch vorstellen könnte. Anfangs noch skeptisch (Haipl: „Jeder Bankdirektor geht den Jakobsweg und quält dann die Leute mit seinen scheiß Erlebnissen“) willigte er ein, als er erfuhr, dass es sich beim angedachten Jakobsweg keineswegs um einen religiösen Erweckungsspaziergang nach Santiago de Compostela, sondern um einen Roadtrip durch alle St. Jakobs handle.

Haipl: „Ich hab mir gedacht, das is ja ganz komot, aber zu Fuß sicher nicht, und auch nicht mit der Bahn, die ganzen kleinen Ortschaften haben ja oft nicht einmal einen Bahnhof – aber ich hab ja bis vor kurzem ein Cabrio gehabt, einen Mazda, und ich hab mir gedacht, machst dir einen schönen Sommer mit der Freundin“.

Seinen Brotberuf bestreitet Haipl eigentlich bei Radio Fm4, dort sitzt er als Redakteur und Programmgestalter und macht nebenbei, gemeinsam mit Gerald Votava und Herbert Knötzl Projekt X-Sendungen. Früher – manch einer mag sich noch an die Live-Sendungen erinnern, den anderen sei das Projekt X-Archiv empfohlen, gabs das Trio auch im Fernsehen. Noch ein paar Jahre davor gab es „Montevideo“, mit Oliver Baier, Votava als Herrn Ralf und Haipl als eh schon wissen. Begonnen hat alles aber mit einem Praktikum bei Walter Schiejok, den er eigentlich wegen einer Arbeit zum Thema „Anwaltsjournalismus“ für sein später abgebrochenes Publizistikstudium interviewen hätte sollen. Irgendwann verschlug es ihn zu Ö3, und der Rest ist Geschichte.

Allerdings eine äußerst interessante Geschichte, in der sich die Protagonisten, oder die „Blasn“, die Kreativ-Blase, wie Haipl es nennen würde, immer wieder über den Weg laufen. Bei Montevideo zum Beispiel war Stefan Ruzowitzky als Regisseur mit von der Partie, mit dem er auch für Viva die Sendung „Jam“ machte und ein EAV-Video drehte. „Das haben sie im Zuge der Oscar-Feierlichkeiten dezent unter den Tisch fallen lassen“, lacht Haipl. Und jene Protagonisten und Freunde, die heute in anderen Formaten prominent sind, waren auch damals schon mit von der Partie, wie er in einer interessanten Anekdote erzählt: 

„Im allerersten Montevideo-Beitrag vom Ruzowitzky kommt Robert Palfrader vor, der jetzige Kaiser. Der Palfi war mit Gerald und Herbert in der Schule, und hat das Café Torberg gehabt, da haben wir gedreht. Eigentlich irre, in einem Beitrag der Stefan Ruzowitzky, der Robert Palfrader, die ganze Projekt X Partie. Und Grissemann & Stermann haben damals noch Beiträge gemacht. Und einer der Stammgäste dort war David Schalko. Es ist eh die gleiche Blasn in Wahrheit. Grissemann & Stermann auf der einen Seite mit Willkommen Österreich, der Palfi auf der anderen mit dem Rudi Roubinek.“

Dass Montevideo abgesetzt wurde, haben sie im Zug von München nach Wien erfahren, dass eine Intervention vom Büro Vranitzky etwas damit zu tun gehabt haben könnte, bestreitet Haipl, sagen wir, natürlich vehement. Den damaligen Wahlslogan „Familie und Beruf dürfen kein Widerspruch sein“ und Christine Vranitzkys unfassbarer „Wenn die Jugend mehr Golf spielen würde, würde sie weniger Drogen nehmen“-Geistesblitz, kombinierte man damals zu „Golf und Drogen dürfen kein Widerspruch sein“ und hielt das in Plakatform schön in die Kamera. Nicht lange später kam ein empörter Anruf von Büro Vranitzky. Dass er später, zuerst mit Projekt X, dann mit Martin Puntigam, Kabarett gemacht hat, sei eigentlich nie wirklich geplant gewesen.

„Wir wollten eigentlich nur deppert sein im Radio, dann hat’s geheißen wir müssen deppert auf CD sein, dann hat es heißen wir müssen die CD promoten, und wir ‚ach, wirklich‘, und dann hat’s geheißen wir müssen auftreten. Und wo? Im Audimax, aha. Dann sind wir halt aufgetreten. Das war nie ein Berufswunsch von mir, Kabarettist zu werden. Naturdeppert war ich immer“.

Für Projekt X gab´s die Romy, für „Meet & Greet“ mit Puntigam den Österreichischen Kleinkunstpreis. Mit zweiterem war er Jahre auf der Bühne, alles auf Punkt und Komma geschrieben, Projekt X funktionierte völlig konträr.

„Es waren zwei extreme Gegenpole. Projekt X war reine Improvisation, ohne Vorbereiten, das kannst du nicht öfters als zwei mal im Monat spielen, da bist fertig, auf Hochdruck. Da sind 500 Leut im Saal, und scheiße, wenn mir nichts einfällt, blöd“.

An eine Projekt X-Folge im Fernsehen erinnert sich Haipl sehr gut, als ich ihn auf meine Lieblingsfolge anspreche. Nämlich an die, in der Conferencier Votava in seiner gewohnt obskuren Art Haipl mit Obstkorb am Kopf, als Wiener Dialekt sprechende Whitney Houston und den unfassbaren Herbert Knötzl im blauen Kleid mit verspiegelter Sonnenbrille und aufgeklebtem Wikinger-Schnauzbart, als Reinhold Bilgeri empfängt, der für sein fiktives neues Album „Wow Let´s Rock“ Werbung machen möchte. Resultierend darin, dass sich schlussendlich keiner mehr einkriegt und Votava lachend von der Bühne rennt.

„Das muß ich sagen ist auch meine Lieblingserinnerung. Der Moment, wo der Herbert schon die ganze Zeit nur noch deppert ist und uns zum Lachen bringt, und Gerald will ihn schon rausschicken, weil er nicht mehr kann vor lauter Lachen, und dann kommt die Kamera auf die verspiegelte Sonnenbrille und er meint ‚wenn ma vielleicht über mei neiche Plattn reden könnten‘ und der Gerald ‚geh schleich di‘, und Herbert ‚do is eh mei Kopf droben aufm Cover, die heißt wow‘, und ich hab mir gedacht, jetzt reichts, und dann kommt ‚let’s rock‘. Und da waren drei Kameras mit Kameraassistenten, die sind alle von den Kameras weggegangen, im Dunkel des Studios verschwunden.“

Offiziell ist Haipls Beruf „Angestellter“, eben beim ORF. Wir einigen uns im Laufe des Gesprächs aber auf die Bezeichnung „Berufskreativer“. Es ginge ihm prinzipiell um Ideen, erzählt er. Ob diese Ideen dann irgendwann in Buchform veröffentlicht werden, im Fernsehen oder als Radioshow sei prinzipiell sekundär. Und auch wenn das von einem Humoristen anscheinend erwartet wird, sind nicht alle Ideen Humor – und genau da kommt die Musik ins Spiel.

Haipl produziert elektronische Musik, und das schon seit Ewigkeiten, früher auf Atari und Amiga, heute mit Ableton Software und Mac. Letztes Jahr hat er gemeinsam mit Fm4-Kollegen David Pfister ein Electroglamfuck-Album unter dem Namen „Heirstyle“ gemacht, für Fuckhead-Mastermind und Performance-Künstler Didi Bruckmayr hat er produziert, gemeinsam mit dem mittlerweile in New York ansässigen Wiener Produzenten und DJ Christopher Just („um nichts weniger lustig als ich„) ein Weihnachtsalbum gemacht, viel im Ausland veröffentlicht, unter anderem in den USA.

„Das Gefährliche ist, man verliert bei den ernsten Sachen leicht an Glaubwürdigkeit, wenn man woanders lustig ist. Es glaubt dir keiner, dass das wirklich du gemacht hast. Bei den Bruckmayr-Sachen bin ich hundertmal gefragt worden, wer das gemacht hat. Und ich darauf „na ich“. „Aber du bist doch Kabarettist!“ „Ja, und?“. Mir hat Musik immer getaugt, ich war immer ein großer New Order Fan und Depeche Mode, diese ganzen 80er-Synth Sachen…“

Vor fünf Monaten ist er Vater geworden. Bis auf weniger Schlaf aber halb so wild, der Kleine habe einen ausgezeichneten Humor, habe das erste Mal laut gelacht, nachdem er zuerst gerülpst und dann gefurzt habe, um den Humor braucht er sich also keine Sorgen machen. Jetzt stehen erstmal einige Lesungen an (Termine anbei). Ganz ernst wird es auch da nicht zugehen:

„Ich kann mir vorstellen, dass sich aus den Lesungen was kabarettartiges ergibt. Ich setz mich ja nicht nur hin und lies vor, da wird mir selber fad. Ich werde da sicher herumblödeln, auf der Blockflöte was vorspielen oder irgendwelche depperten Schmähs machen.

Ich muss zugeben, als ich das Buch vor einer Woche in der Post bekommen habe, war ich wirklich zufrieden damit, und das passiert ja selten. Weil normalerweise denk ich mir ‚So ein Scheiß, das hätte ich anders machen sollen‘, aber ich find das Buch echt lustig. Darf ich das sagen?“

Selbstverständlich dürfen Sie, Herr Haipl. Vielen Dank fürs sehr nette Gespräch.

(Text: Markus Brandstetter. Fotocredit: Pertramer).

Lesungstermine: 8.4. Wien, Kuppitsch
14.4. Wien, Tiempo Nuevo
16.4. Wien „Asyl mit Gefühl“ Bernoulistraße
22.4. Wien, Thalia (Mariahilfer Straße)
29.4. Wien, Aera

 

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