Wien – Gut zu wissen

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Buschenschank und Heuriger

8. Mai 2013 • Gut zu wissen, Heuriger

Was ist der Unterschied zwischen Buschenschank und Heuriger? 

Diese Frage beseelt das Wiener Herz. Einerseits geht es dabei um Wein, andererseits kann man ganze Gesetze mit der Abhandlung zur Antwort füllen, ganze Magistratsabteilungen damit beschäftigen. Und frei nach dem Motto „Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?“ wird das in Wien natürlich auch so gehandhabt – wie das Wiener Buschenschankgesetz zeigt: „Natürliche und juristische Personen, Personengesellschaften des Handelsrechts sowie eingetragene Erwerbsgesellschaften, die in Wien gelegene Wein- und Obstgärten besitzen und in Wien ihre Betriebsstätte haben, sind berechtigt, nach Maßgabe des Wiener Buschenschankgesetzes Wein und Obstwein, Trauben- und Obstmost, Trauben- und Obstsaft aus betriebseigener Fechsung sowie selbst gebrannte geistige Getränke entgeltlich auszuschenken.“ Diesen ist weiters „die Verabreichung von allen heimischen Wurst- und Käsesorten, Schinken und geräuchertem Fleisch, Speck, kaltem Fleisch und kaltem Geflügel, Sardinen, Sardellenringen und Rollmöpsen, Salaten, Essiggemüse, hartgekochten Eiern, Brotaufstrichen aller Art, Butter und Schmalz, Grammeln, Salzmandeln und Erdnüssen, Weingebäck wie Weinbeißern, Kartoffelrohscheiben und Salzgebäck, Brot und Gebäck sowie heimischem Obst und Gemüse unter Ausschluss aller warmen Speisen gestattet.“ Herrlich.

Im Wesentlichen schenken Buschenschanken nur in festgelegten Wochen ihre eigenen Produkte aus und kennzeichnen die Öffnung des Lokals durch einen „Buschen“ über der Eingangstür. Man sagt in Wien: „Ausg’steckt ist!“

Heurige haben ganzjährig geöffnet. Kaiser Joseph II. erlaubte 1784 allen Winzern die Ausschank ihrer Weine ohne besondere Lizenz. Einmal im Jahr wurde das genutzt, um den Wein der aktuellen Lese zu präsentieren – den sogenannten Heurigen. Ein zweites Mal, um Platz für die kommende Weinlese zu schaffen.

Die wichtigsten Heurigengegenden Wiens sind aus Weinbau- und Heurigenorten entstanden und heute zu Grätzln geworden: Im 19. Bezirk vor allem Nussdorf, Grinzing, Sievering, Heiligenstadt, Neustift und Salmannsdorf. Im 21. Bezirk, an der Grenze zwischen Wien und dem niederösterreichischen Weinviertel, liegen – noch immer gut als ehemalige Vororte erkennbar – Strebersdorf und Stammersdorf, das zweifelsohne die schönste Wiener Kellergasse hat. Am anderen Ende Wiens liegt Mauer mit seiner familiären Heurigenkultur.

Abseits dieser drei Weinzentren gibt es Weinoasen. Erwähnenswert ist der Heurige „10er Marie“ in Ottakring. Erstens, weil sich der Heurige als der älteste Wiens bezeichnet und das auch stimmen könnte. Zweitens, weil die Geschichte von der wunderschönen Tochter des Besitzers des einstigen Heurigen mit der Adresse Alt-Ottakring 10 so schön ist: Mitte des 18. Jahrhunderts soll Maria den Gästen so gut gefallen haben, dass bald keiner mehr zum „Haimböck auf ein Achterl“ ging, sondern alle nur mehr zur „10er Marie“. Drittens, weil das denkmalgeschützte Haus das letzte Überbleibsel des ehemaligen Vorortes Alt-Ottakring ist. Und viertens, weil solch illustre Stammgäste nicht irren konnten: Kronprinz Rudolf und sein Kutscher Bratfisch, Franz Schubert, Johann Strauss Vater, die Brüder Schrammel, Franz Lehár, Josef Weinheber, Emmerich Kálmán, Robert Stolz und der Lieder-Komponist Karl Föderl. Was dem Heurigen und dem Buschenschank gleich ist, kann man sich denken: das stürmische Gemüt nach ein paar Achterln. Die staubige Gemütlichkeit. Wobei sich beide mittlerweile vom Wienerlied-Heimatfilm-Es-wird-ein-Wein-sein-Image erholen. Das bedeutet zwar, dass es neben der Buschenschank-typischen „Brettljause“ heute öfter auch Gnocchi alla Vindobona beim Heurigen gibt. Aber die Wiener haben sich auch daran gewöhnt. Denn wer oft mit Magistratsabteilungen zu tun hat, entwickelt etwas Buddhistisches.


„Darf’s a bisserl mehr sein?“

Weitere Fragen zu Wien und deren interessante Antworten findest du in Wann verlor das Riesenrad seine Waggons? von Axel N. Halbhuber erschienen im Metroverlag.

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