Kultur

(c) Edition Atelier
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Buchtipp: Narziss und Narzisse

5. März 2014 • Kultur, Literatur

Es ist das größte Unglück, das eine Familie treffen kann: Die kleine Nurit, gerade ein paar Wochen alt, liegt tot in ihrem Kinderbettchen. Die Eltern und die große Schwester Judith, selbst noch ein Kind, müssen mit der Trauer leben, und mit der Lücke, die Nurit in ihren Leben hinterlässt. Wie schafft eine Mutter das Weiterleben mit diesem »Schatten«, wie sie selbst es nennt – mit der Finsternis, mit den Selbstvorwürfen, der Traurigkeit und der Verständnislosigkeit? Die Antwort ist einfach: Sie schafft es nicht. Die Tragödie bleibt indes nicht die einzige in diesem ebenso lyrischen wie kraftvollen Roman. Sie ist vielmehr die Initialzündung für eine Reihe von Ereignissen, die die Welt der jungen Familie erschüttern.

Die Autorin Andrea Drumbl hat mit »Narziss und Narzisse« einen beeindruckenden zweiten Roman geschrieben. Was hier geschieht, ist gleichzeitig unfassbar und zutiefst glaubhaft. Drumbl hat keine Scheu, aus der Nähe von ganz großen, existenziellen Gefühlen zu erzählen. Ob die Gedanken der Mutter in schmerzhafter Wiederholung um den Verlust Nurits kreisen, ob die kleine Judith einen Albtraum voller Feuer und Narzissen erlebt: Beim Lesen ist man so nah an diesen unterschiedlichen Figuren, dass man fast ihre Stimmen hört.

Es ist eine weitere Stärke Drumbls, dass immer wieder Hoffnung und Leichtigkeit in der Erzählung aufkommen. Wie eine Wolkendecke, die plötzlich aufbricht und die Sonne durchlässt: Man weiß nie, wie lange diese sonnigen Momente währen, und freut sich umso mehr an ihnen. »Narziss und Narzisse« ist ein kostbares Buch, das zum Nachdenken anregt, ohne selbst allzu sehr ins Philosophieren zu geraten. Ein zutiefst menschlicher und gleichsam kunstvoller Roman.

Andrea Drumbl
Narziss und Narzisse
Roman
Edition Atelier, € 17,95

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