Kultur – Literatur

Foto: Cover Böse
Foto: Cover Böse

Buchtipp: Böse

28. August 2014 • Literatur

Dieses Buch ist ein Monster. Ein lautes, fieses, gemeines, um sich schlagendes, fiebriges, manchmal aber auch zartes, verletzliches und sensibles Monster. Es kratzt und beißt, tritt zielsicher in die Magengrube, um dann das Herz groß und weit zu machen. Ganz sicher mag dieses Buch nicht jeder, aber das, was sich Eiríkur Örn Norðdahl hier auf über 600 Seiten traut, ist – das sagen wir in all unserer subjektiven und dabei gnadenlosen Begeisterung – ein ziemlich großer Wurf.

 

„Fünfter Versuch eines Überblicks. Die Nazis haben den Zweiten Weltkrieg nicht gewonnen. Aber der Holocaust hat funktioniert. Den Holocaust haben sie gewonnen. In Europa sind keine Juden mehr übrig. So gut wie keine.“

 

Die junge Litauerin Agnes wächst in Island auf, wo sie sich über ihre Masterarbeit zum Thema Holocaust müht. Die Vergangenheit streckt dabei gierig die Hände nach ihr aus: Agnes findet heraus, dass ihre Großeltern auf schicksalhafte Weise miteinander verknüpft waren. Die einen waren Mitläufer und Täter, denen das andere, jüdische Großelternpaar zum Opfer fiel. Damit nicht genug: Mitten in ihre immer obsessivere Züge annehmende Beschäftigung mit dem Zweiten Weltkrieg platzt die Liebe in Gestalt des schlunzigen Langzeitstudenten Ómar. Jetzt könnte alles so schön sein, die romantische Zweierbeziehung winkt, aber Agnes entscheidet sich für einen völlig anderen Weg. Kopflos wirft sie sich in eine zerstörerische Affäre mit dem eloquenten Rechtsradikalen Arnór. Was bei einer solch schiefen Dreiecksgeschichte heraus kommt?

 

„Du bist wahnsinnig erfüllt von Liebe, ganz plötzlich, wie im Handumdrehen. Aber du weißt nicht, warum und für wen. Die Liebe lässt sich nicht analysieren (fällt einfach irgendwohin, sagt Papa), und du liebst ins Blaue hinein einfach alles, was dir in den Sinn kommt. Das ist ja auch in Ordnung, findest du. Das Schwierigste an der Liebe ist vermutlich, wen man davon ausklammern soll, denn Liebe, die für alle gedacht ist, nimmt natürlich niemand ernst. Das ist irgendwie so, als sei sie nichts wert. Und vielleicht bleibt beim Verteilen auch nicht mehr soviel übrig. Du weißt es einfach nicht.“

 

Auftritt: Baby Snorri, von dem Agnes nicht sagen kann, wer der Vater ist. Der Kleine schildert im dritten Teil des Buchs die Welt mitfühlend und mit einem so klaren Blick, wie ihn wohl wirklich nur Babys haben können. Durch seine Augen folgt man Agnes und Òmar, diesem mit sich und der Welt kämpfenden Paar. Dazwischen: Brennende Häuser in Island, Òmars getriebene Irrfahrten durch halb Europa auf der Suche nach sich selbst, die schleichende Verführung durch das Böse, wilder Sex, kaltes Verlangen und über 17 Millionen Kriegstote. Immer enger zieht sich die Spirale um Agnes’ Herz, im gleichen Maß wie die Geschehnisse der Nazizeit immer untrennbarer mit ihrem Leben verknüpft zu sein scheinen.

 

Norðdahl, in seiner Heimat Island bereits ein gefeierter Autor, springt in seiner Erzählung vor und zurück, schildert die Erlebnisse aus der Sicht verschiedenster Figuren oder als lakonisch-böser, allwissender Erzähler. Die Flut an Informationen – Norðdahl hat akribisch recherchiert – ist anfangs eine schiere Überforderung. Zu den eindrücklichsten und erschreckendsten Kapiteln zählen jene, in denen die Kindheit des Neonazis Arnór und die Massaker in Litauen gegeneinander montiert werden. Was ist Gut, was ist Böse – die Grenzen verschwimmen zusehends.
Ganz ehrlich: Dieser Leviathan in Buchform braucht Hinwendung, Muse und ein bisschen Ausdauer. Aber: Es ist auch ein grandios-atemloser Ritt durch die Untiefen des 20. Jahrhunderts, begleitet von der irrationalen und durch und durch menschlichen Hoffnung auf Erlösung. Und am Ende steht einmal mehr die – wenn auch unkonventionelle – Kernfamilie, entwurzelt, in den Grundfesten erschüttert, aber nicht gebrochen. Große Literatur von der kleinen Insel im Norden.

 

Eiríkur Örn Norðdahl
Böse
Tropen, € 25,70

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