Kultur – Literatur

Foto: Cover - Auf dass uns vergeben werde
Foto: Cover - Auf dass uns vergeben werde

Buchtipp: Auf dass uns vergeben werde

16. Mai 2014 • Literatur

„Die Leute reden immer von der Kernfamilie als der vollkommenen Einheit, aber niemand erwähnt die Kernschmelze.“

Ein Kuss, ein Anruf und die Folgen: Harry Silver erhält einen Anruf von Schwägerin Jane. George, sein jüngerer Bruder mit offensichtlichen Problemen, seine Aggressionen im Zaum zu halten, hat einen Unfall verursacht, bei dem die Eltern eines kleinen Jungen ums Leben kommen; George wird inhaftiert. Gegen besseres Wissen beginnt der verheiratete Harry eine leidenschaftliche Affäre mit Jane – nur um eines Nachts seinem ausgebrochenen Bruder ins Gesicht zu blicken, der in Rage seine Frau mit der Nachttischlampe erschlägt.

 

Was für andere Autoren Futter für ein ganzes Buch wäre, genügt A.M. Homes auf den ersten 50 Seiten. Und schnell wird klar: Das war erst der Anfang. Denn jetzt beutelt das Schicksal den schlafwandlerisch durch sein Leben tappenden Harry erst so richtig. Von einem Tag auf den anderen ist er für Georges und Janes halbwüchsige Kinder Nate und Ashley sowie Hund Tessie und Katze Muffin verantwortlich. Für jemanden, der sich bisher vor jeder Verantwortung gedrückt hat, ganz schön bedrohlich. Doch damit noch nicht genug: Ehefrau Claire verlässt ihn, der Chef an der Universität entlässt ihn mit dem Hinweis, dass sich niemand für sein Fachgebiet – Richard Nixon – interessiert; als Harry seinen Bruder besucht, schlägt ihn dieser zusammen und dann erleidet Harry auch noch einen Schlaganfall. Kommen Sie noch mit?

 

Zugegeben, das klingt alles erst einmal recht konstruiert und ein bisschen zuviel des Guten. Ist es aber nicht. A.M. Homes zerlegt im ersten Teil des Buchs genüsslich die höchst dysfunktionale Familie Silver – und hat daran offensichtlich große Freude, so zynisch zelebriert sie den Untergang der klassichen amerikanischen Familie (Vater, Mutter, Sohn, Tochter, Hund, Katze). Doch wäre es nur das, so würde man das Buch als Leser wohl bald entnervt zur Seite legen.

 

Was einen daran hindert ist die brutale Ehrlichkeit, aber auch Zugewandtheit der Autorin, mit der alle Unzulänglichkeiten der Figuren aufgedeckt werden. Am Ende lässt das den Protagonisten Harry verwundbar werden, so sehr als lägen seine Nervenenden bloß. Und ganz langsam, erst nur als eine Ahnung, schleichen sich neue Bande in Harrys Leben. Aus Zufallsbekanntschaften werden echte Freunde, die Kinder fordern seine Aufmerksamkeit auf eine Weise, die Harry nach anfänglicher Irritation zu genießen beginnt – und aus den Ruinen einer Familie setzen sich neue, unerwartete Strukturen zusammen. Eine Wahlfamilie, sozusagen.

 

Die unbestreitbare Qualität von A.M. Homes, die ausgerechnet für dieses ungeschönte Portrait eines Mannes den „Women’s Prize for Fiction“ verliehen bekam, ist ihre überbordende Lust am Fabulieren gepaart mit der Gabe, ganz genau hinzusehen. „Auf dass uns vergeben werde“ ist ein wuchtiger, gewaltiger Familien- und Gesellschaftsroman, der den Leser überrascht, zum Weinen, Lachen und Grübeln bringt. Ein Roman für Freundinnen und Freunde der Überforderung im positiven Sinne.

 

A. M. Homes
Auf dass uns vergeben werde
Kiepenheuer & Witsch, € 23,70

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