Kultur

101 Reykjavík

Buchtipp: 101 Reykjavík von Hallgrímur Helgason

28. Jänner 2014 • Kultur, Literatur

"Immerhin. Ich versuche wenigstens aufzuwachen, ehe es dunkel wird. Um ein bisschen Helligkeit in den Tag zu bekommen, mich einzuschecken, einen Stempel zu kriegen. Die Sonne ist eine Stempeluhr. Ohne dass man einen Job hat, weder bei ihr noch sonstwo. He, Sonnensystem, Sozialversicherungssystem."

Für den Mittdreißiger Hlynur ist das Leben ein großes Nichts: Kein Job, keine Eigeninitiative, keine Interessen, keine eigene Wohnung, keine Freundin. Statt dessen immer noch Dauergast im Hotel Mama, stundenlange Suche nach Internet-Pornos, nachts lässt er sich mit Freunden ziellos durch die Partyszene Reykaviks treiben. Frauen kategorisiert er penibel in einer ganz persönlichen Marktwertliste (Kartoffeltante: 100 Kronen, Pamela Anderson 4.700.000 Kronen), landen kann er selbst aber bei keiner. Doch dann taucht Lolla auf, die in Hlynurs Mutter verliebt ist. Mit ihr hat er einen One-Night-Stand, der Folgen haben wird. Und Lolla bleibt nicht die einzige schwangere Frau in Hlynurs Umfeld …

Sympathisch ist eigentlich anders: Helgasons Protagonist Hlynur kann einem mit seiner geschwätzigen Null-Bock-Einstellung und prätentiösen Verachtung für seine Mitmenschen ganz schön auf die Nerven gehen. Und dennoch: Beim Lesen stellt sich das Gefühl ein, dass Hlynur auch nur versucht, mit den Widrigkeiten des Lebens umzugehen – auf seine Weise. Unter all dem Geplapper scheint immer wieder leichte Verzweiflung durch, die zahlreichen Pop-Kultur-Verweise machen Hlynur zu einem weiteren Gefangenen in der Zitate-Hölle einer medienübersättigten Gesellschaft. Erst die Konfrontation mit so unausweichlichen Gewissheiten wie Schwangerschaft oder Tod lässt ihn aufwachen.

101 Reykjavík ist ein wilder "stream of consciousness"-Ritt durch das Reykjavík der 90er Jahre. Übersexualisierung, Rastlosigkeit bei gleichzeitiger Trägheit, Sinnsuche: Helgason beschwört diese heilige Dreifaltigkeit der Slacker-Generation mit viel schwarzem Humor, genauem Blick und einem Schuss Absurdität.

Mit dem Buch startet am 16. Jännerr der neue Zyklus des Lesezirkels Mit den Kontoristinnen um die Welt.

101 Reykjavík 
Hallgrímur Helgason
dtv, 10,30 €


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