Kultur

(c) Metroverlag
(c) Metroverlag

Buchrezension: Die Fluortablette in der Zehn-Uhr-Pause

25. April 2013 • Kultur

Highlights aus der österreichischen Mitvergangenheit von Gaby Jahn erschienen im Metroverlag

Wer kennt das nicht? Im familiären Kreis wird über Ereignisse debattiert, über die man in Österreich noch heute spricht, die aber schon Jahrzehnte zurückliegen und man selbst kann nicht mitreden, weil man als das Ereignis passiert ist, noch gar nicht auf der Welt war. Dabei werden dann etwa Kindheitserinnerungen hervorgekramt wie der Einsturz der Reichsbrücke oder sich daran zurück erinnert, wie Heinz Conrads sein Publikum wöchentlich mit den Worten „Guten Abend, die Madeln, servas, die Buam“ in seiner Sendung Guten Abend am Samstag, begrüßte. Darüber und über allerlei andere denkwürdige Ereignisse kann man in dem Buch nachlesen.

Das Buch unternimmt eine Zeitreise in die österreichische Mitvergangenheit der 70er bis 90er Jahre – und kann somit als Gedächtnisstütze für jene gelesen werden, die diese Geschehnisse selbst miterlebt haben und als literarische Zeitreise für die unter uns, die damals noch nicht auf der Welt waren. In kurzen meist einseitigen Beiträgen wird ein Streifzug durch jene Vorkommnisse unternommen, die Österreich nachhaltig geprägt haben. Für mich war das Buch deshalb so lesenswert, weil es auf kurzweilige Art und Weise Wissenslücken über die österreichischen Mitvergangenheit geschlossen hat.

Der erste Silberpfeil

Unter 10 verschiedenen Rubriken erfährt man mehr über Todesfälle und Begräbnisse, Triumphe „Made in Austria“  Unglücksfälle und Katastrophen, oder aufsehenerregende Verbrechen, wie den Lucona-Skandal oder wie im Buch betitelt über den „Häf’npoet Jack Unterweger“, was wohl auch als Verweis darauf gelesen werden kann, dass Unterweger lange als Society-Liebling gehandelt wurde, bevor herauskam, dass er ein vielfacher Frauenmörder war.

Unter dem Titel „Das allererste Mal“ wird über singuläre Ereignisse berichtet die Wien zu jener Stadt gemacht haben, wie wir sie heute kennen. Wie etwa darüber, als der erste Silberpfeil 1978 in der U1-Station Karlsplatz einfuhr, oder als die Straßenbahnen Schaffnerlos wurden. In einigen alten Straßenbahnwagons gab es noch die Schaffner Logen und vereinzelt – aus personalpolitischen Gründen – noch bis in die 90er Jahre Schaffner. Berichtet wird hier auch über Lugners Moscheebau Ende der 70er Jahre oder dem Bau der Wiener Donauinsel, die als Hochwasserschutz 1981 fertiggestellt wurde.

Österreichische Musikgeschichte

Wusstet ihr beispielsweise warum Joe Zawinuls Bar Birdland hieß? Weil er 1977 mit dem Stück „Birdland“ einen Welterfolg landete, im Buch wird Miles Davis zitiert der über das Stück folgendes sagte: „Um solche Musik schreiben zu können, muss man innerlich frei sein, muss man Joe Zawinul sein, muss man aus Wien sein!“ Interessant ist auch der Beitrag über Christian Eigner, der in Österreich den meisten gänzlich unbekannt ist, obwohl er seit 1997 Schlagzeuger der Band Depeche Mode ist. In der Alpenrepublik bekannter ist da schon Peter Wolf, der in den 70er Jahren Keyboarder bei Frank Zappa war und an Songs wie „We built this City“ mitschrieb, aber auch die Titelmusik für „Pretty Woman“ oder „Top gun“.

Wiener Originale

Wer kennt sie nicht – jede Wiener Institutionen in denen jeder schon war, wenn auch nicht jeder das zugeben würde? Unter der Rubrik „(fast) alle waren dort“ wird etwa die Eden Bar und das Hawelka vorgestellt. Mit dem Titel „Jö schau“ schrieb Georg Danzer 1976 Musikgeschichte und gleichzeitig eine Hommage an das Hawelka.

Stadtbekannt meint

In „Die Fluortablette in der Zehn-Uhr-Pause“ erinnert sich die Journalistin Gaby Jahn an Ereignisse die sie und ihre Generation geprägt haben. Das Buch ist, aufgrund der kurzen Beiträge, unterhaltsam und kurzweilig geschrieben. Trotzdem steckt es voller skurriler Details, wissenswerter österreichischer Zeitgeschichte und ist auch für jene, die dem unnützen Wissen zugetan sind, die richtige Lektüre. Wer in Sachen österreichischer Mitvergangenheit Nachhilfe benötigt oder popkulturelle Wissenslücken auffüllen möchte, wird das Buch lieben: Unterhaltsam, prägnant, informativ – ein Lesevergnügen.

 

Informationen zum Buch
Gaby Jahn
Die Fluortablette in der Zehn-Uhr-Pause
Metroverlag
208 Seiten, 14,5 x 21,5 cm
Zahlreiche Abbildungen, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
ISBN: 978-3-99300-067-7

Das Buch ist am 1.2.2012 im Metroverlag erschienen und zum Preis von € 19,90 im gut sortierten Buchhandel und auch online erhältlich.

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

« »