Kultur – Literatur

stadtbekannt Weihnachtsgeschichte

Über den Familienstreit zu Weihnachten

24. Dezember 2010 • Literatur

Alle Jahre wieder das selbe. Besinnlich ist das Frohe Fest vielleicht geplant, meist endet es in Zwietracht und Kummer. Dass die Stille Nacht nicht so still ist wie sie möchte, dass wissen wir ja , nur warum ist der heilige Abend der Abend der Familienstreitereien? Eine stadtbekannt Weihnachtsgeschichte.


14.00 Uhr

Der 24.12. beginnt in der Küche, Unmengen an Köstlichkeiten wollen zum Weihnachtsessen verabeitet werden. Während die Mama also den überquellenden Küchlschrank inspiziert,  befinden wir uns schon in der ersten Weihnachts-Streit-Episode. Es fehlt nämlich die Butter, natürlich. Die Mama gerät in Panik, die Geschäfte haben schon geschlossen, der Papa muss zur Tankstelle fahren und beschwert sich lautstark über seine undankbare Rolle.

15.00 Uhr
Das Butter-Drama ist überstanden, der Baum wird also aufgestellt. Und wie soll es auch anders sein, die Tanne ist schief. Jetzt ist natürlich der Papa wieder dran, er hat den Baum ja gekauft. Nach einem kurzen Disput über Weihnachtsbaum-Kauf-Unzulänglichkeiten muss das Problem gelöst werden. Wenn es um den Baum geht, weiß natürlich jeder, was zu tun ist. Das führt klarerweise zu einem weiteren Disput über die beste Strategie, das grüne Ungetüm zu geradigen.

16.00 Uhr
Der Baum steht genauso schief wie um 15.00, macht nichts, er muss jetzt nämlich dringend geschmückt werden. Während die BaumschmückerInnen über die alte Lametta – Nicht-Lametta Frage diskutieren, steht die Mama wieder in der Küche, und verzweifelt über dem Sorbet, das immer noch keines ist und (Spoiler) nie eines werden wird. Das alte Waffeleisen wird in weiser Vorraussicht hervorgekramt, während im Wohnzimmer die ersten Christbaumkugeln in die ewigen Jagdgründe übergehen. Das wird natürlich von Schuldzuweisungen begleitet, denn einer muss ja Schuld haben. Natürlich ist unter den zerstörten Kugeln auch die von der Uroma, die "sogar den Weltkrieg überlebt hat". Das bringt die Mama zum weinen, den Papa zum verzweifeln und den Rest der Anwesenden dazu, den Baum jetzt zügig fertig zu schmücken.

17.00 Uhr

"Das lässt du an?!?" fragt die Mama, "eine Jeans!?". Darauf folgt ein kleiner feiner Streit über das adäquate Weihnachtsoutfit, der abrupt beendet wird, als die Mama merkt, dass sie ja selbst noch nicht umgezogen ist. Die Mama verschwindet im Bad, der Papa im Schlafzimmer, wohl wissend, dass jedes Hemd und jede Kravatte später scharf kritisiert werden.

18.00 Uhr
Mittlerweile sind alle hübsch, die letzten Vorbereitungen werden getroffen, die Gäste können kommen, tun sie aber nicht. Es folgt eine Wertediskussion über die Untugend des zu spät Kommens.

18.30 Uhr
Der Bus ist nicht gekommen, das Auto ist liegen geblieben, der Hund ist gestorben, das Kind hat sich angepinkelt, freudig werden also doch noch die Gäste begrüßt. Viele Packerl werden der Hausdame übergeben, die sie unter dem Baum platzieren soll, die Gäste werden mit Alkohol versorgt und in ein Zimmer gestopft, in dem sie Dank der jüngsten Gäste auf die Ankunft des Christkinds warten sollen.

19.00 Uhr
Die Oma ist genervt, die Kinder hyperventilieren, die Tante ist betrunken, der Opa schläft auf seinem Stuhl ein. Ebenfalls mit dabei ist die Freundin des Bruders, arme Sau, denkt ihr jetzt – und ihr habt recht. Ah, endlich, das Christkind hat geklingelt! Die Kinder rennen in Richtung Wohnzimmer, die Kleinste fällt hin, weint, was die übrigen Kinder auch zum Weinen bringt.

19.30 Uhr
Die Kinder sind verarztet, der Baum brennt, nein, die Kerzen brennen. Während die Kinderaugen nicht vom Geschenkehaufen wegzukriegen sind, will der Onkel seine selbsgebastelten Gesangshefte an den Mann/ die Frau bringen, was zum nächsten Eklat führt. "Müssen wir singen?" "Aber nur ein Lied!!". Keine Gnade, O Tannenbaum, Stille Nacht, Ihr Kinderlein kommet, Es wird schon glei dumpa, Maria durch den Dornwald ging, Rudolph, Es ist ein Ros entsprungen, O du fröhliche, nichts wird ausgelassen. Von Alt, über Bariton, bis zum Sopran ist natürlich alles vertreten, der Opa singt wieder mal zu laut, die Cousine singt falsch, der Rest singt gar nicht und schämt sich. Die Freundin des Bruders denkt langsam aber doch über die bevorstehende Hochzeit nach. Die Kleinen sind schon vollkommen unkonzentriert in Anbetracht der Geschenke.

20.00 Uhr
Es scheint geschafft zu sein, niemandem fällt mehr ein Weihnachtslied ein, sogar die Blockflöteneinlage der 6-Jährigen wurde schon eingebracht. Der große Moment ist also gekommen, die Geschenke dürfen endlich geöffnet werden! Der größte Fehler aller Fehler wurde begangen, die Zwillinge haben nicht das selbe bekommen von der Tante, was zu gewalttätigen Handlungen unter den Minderjährigen führt. Während der Streit von der betrunkenen Tante geschlichtet wird, "freut" sich der Papa über seine 1000. Kravatte, die Mama grantelt über einen Handmixer, die Oma will das "teure" Geschenk nicht annehmen, der Bruder "bedankt" sich für seine Wollsocken und die Schwester weiß nicht so Recht, was sie von der Unterwäsche, die sie von der Oma bekommen hat, halten soll.

20.30 Uhr
Die Zwillinge vertragen sich wieder, der Rest der Weihnachtstruppe schweigt vor sich hin, der Opa schläft schon wieder. Die Kleinste versteht nicht ganz, warum es keine Geschenke mehr gibt, Hunger macht sich breit. Die Festgans wird endlich serviert, es folgt ordentliches Schmatzen, die Tante nüchtert ein bisschen aus, und kurze Zeit kommt so etwas wie besinnliche Weihnachtsstimmung auf.

21.00 Uhr
Mit der besinnlichen Weihnachtsstimmung ist es wieder vorbei, die Kinder wollen mit ihren Geschenken spielen, die Tante ist wieder betrunken und erhält tatlkräftige Unterstützung vom Opa. "Lustige" Familiengeschichten werden ausgepackt, die Schwester streitet mit der Oma über die Erderwärmung, dem Opa fällt der Name der Freundin vom Bruder nicht mehr ein, die mittlerweile sowieso schon so verstört ist, dass sie gar nichts mehr sagt.

22.00 Uhr
Die ersten Kinder liegen im Bett, jetzt besaufen sich die Erwachsenen hemmungslos. Die einen aus Frust, die anderen aus Gewohnheit, manche vielleicht aus Langeweile. Der Opa ist endlich wach und lallt in einem Deutsch-Englisch-Mix zu "Rudolph, the red nosed reindeer", die Mama räumt lautstark die Küche auf, die Tante zerstört das wertvolle Geschirr, die Freundin hat sich vom Bruder getrennt, die Oma beschwert sich über den Übeschuss an Essen und der Papa sieht still und leise in sein Whiskey-Glas.

24.00 Uhr
Die Taxis sind bestellt, die feierliche Verabschiedung beginnt.

00.30 Uhr
Betrunken und verwirrt stehen die Gäste auf der Straße, die Kinder sind müde, die Kleinste weint, die Taxis sind weg. Nur in der Wohnung sitzt die Mama mit einem Rotweinglas in der angesauten Wohnung und freut sich über die besinnliche Ruhe.

Stadtbekannt wünscht euch frohe Weihnachten!

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