Lifestyle – Im Gespräch

Charlie Harper
Charlie Harper

Charlie Harper im Gespräch

23. Februar 2012 • Im Gespräch, Musik

Audienz bei einer Punklegende

Durch ein Leck in einer Kühlanlage liegt seit einem Tag Ammoniak in der Luft. Feuerwehrleute stehen herum, als ich in die Arena komme, zahllose Einwohner haben Atemprobleme, die Stadregierung rät, die Fenster geschlossen zu halten. Eigentlich sollten die UK Subs bereits beim Soundcheck sein, aber alles verzögert sich.

„Trifft sich gut, dass du jetzt schon da bist“, sagt Charlie Harper und meint, ich soll in den Backstageraum kommen, und bietet mir etwas zu trinken an. Seit 1976 gibt es die UK Subs, und seitdem sind sie auf Tour, nehmen Alben auf. „In it for the long run“, würde man sagen. Charlie ist Ende sechzig, war von Anfang an dabei, tourt noch immer. Den „Godfather of Punk“ nennen ihn einige. Der Titel steht eher Iggy Pop oder vielleicht Lou Reed zu, entgegnet er mir. Vielleicht eher „Großvater des Punk“. Und lacht herzhaft darüber. Charlie Harper war von Anfang an kompromisslos in seiner Auffassung von Punk, seit dem Tag, als er im Roxy Club „The Damned“ sah und beschloss, die UK Subs zu gründen. Damals spielte er mit „The Marauders“ noch R&B, seit diesem Winterabend im Roxy war die Marschrichtung klar. Und diese wird auch mit Ende Sechzig durchgezogen. Bis zum bitteren Ende, wie seine Freunde von den Toten Hosen singen. Charlie Harper von den UK Subs im Gespräch.

Charlie, danke dass du dir Zeit nimmst.

Kein Problem, kein Problem (lacht). Wir können sowieso nicht anfangen (mit dem Soundcheck, Anm), die Feuerwehr ist hier.

Hast du mitgezählt: wie oft warst du mit den UK Subs schon in Wien?

Das müssen an die zwanzig Mal gewesen sein. Es geht eine lange, lange Zeit zurück. Eines der besten Rock’n’Roll Erlebnisse hatte ich hier… wir haben hier gespielt, und am Tag darauf spielten Gwar. Ihre Fans vorne waren sehr einfach bekleidet, sie hatten nur weiße T-Shirts an weil sie von Blut und Gore vollgekleckert sind, wenn du in der ersten Reihe stehst, dann wirst du damit zugekübelt. Sie spielten in der großen Halle, eine Halle mit ungefähr tausend Leuten, und am Tag von ihrem Konzert sind wir zum Hotel zurück und haben die Gwar-Fans getroffen. Wir gehen also zur U-Bahn Station, und kannst du dir vorstellen wie das ist, plötzlich in einem Zug mit hunderten Leuten voller Blut und Gore zu sitzen? Die Abteile waren voll mit hunderten mit Blut vollgekleckerten Leuten, du kannst dir vorstellen, was die anderen Leute für Gesichter gemacht haben. Die wollten einfach nicht mit denen im Zug sein. Es war brilliant, eine der besten Erfahrungen. Wir spielen seit 30 Jahren in Wien, seit den letzten 10 Jahren jedes Jahr.

Ihr tourt nachwievor viel, und das seit 40 Jahren.

Ja, einmal sind wir nach Europa gekommen, in einem alten Van. Wir haben uns selbst Brot und Käse aus dem Supermarkt gekauft, aber wir fanden, dass Europa toll ist, und die Leute auch. Also wollten wir jedes Jahr kommen, und das haben wir auch gemacht.

Verändert sich das Publikum, kommen neue Generationen hinzu?

Ja. In England ist es eher so, als würden sie mit uns aufwachsen, was hier zwar auch zum Teil passiert. Hier aber verändert sich das Publikum, ungefähr ein Viertel von denen, die heute da sind, sind auch nächstes Jahr hier. Drei Viertel aber sind neu. Aus irgendwelchen Gründen kommen Leute, die vorher nicht da waren. Wir kommen jedes Jahr, und es wächst und wächst. Wir spielen an neuen Orten, und Leute, die uns noch nie gesehen haben, schauen sich uns an. (zu seiner Tourmanagerin) Was war das nochmal für ein Ort in den Bergen, wo der Agent meinte, wir müssen selbst fürs Hotel zahlen?

Göttingen.

Ja, Göttingen. In den deutschen Bergen. Das war das erste Mal, dass wir dort gespielt haben, das war ziemlich wild. Diese Wochenenden waren immer sehr wild.

Wie lange geht eure Europa-Tour, den Winter über, oder?

Ja, sie dauert nur fünf Wochen. Manchmal sind sie länger, aber ich finde, ungefähr vier oder fünf Wochen ist genau richtig. Wir sind am Ende immer ein wenig müde.

Euer letztes Album erschien letztes Jahr, derzeit arbeitet ihr an einem Album namens „XXX“, richtig?

Ja, da wird’s ein neues Album geben. Es ist so, als wäre das Letzte ein Aufwärmen gewesen, das nächste wird super. Es wird auch ein Akustik-Album geben und vielleicht eine Live-DVD. Wir wissen noch nicht, was genau wir mit letzterer machen, aber da wird’s was Drittes gebe. Hoffentlich alle zum Preis von einer.

Kannst du uns mehr davon erzählen?

Wir gehen im Juli ins Studio, und hoffentlich wird sie zu Weihnachten fertig. Aber jeder bringt zu Weihnachten was raus, das ist ziemlich kommerziell, deswegen möchte unsere Plattenfirma, dass wir ein wenig warten. Für die nächste Tour ist sie hoffentlich fertig, das wäre gut.

Wenn’s gut geht, interviewe ich bald Freunde von dir, die gerade ihr 30jähriges Bandjubiläum feiern, Die Toten Hosen.

Oh, yeah. Wir haben zusammen getourt (lacht), das war sehr lustig. Nach einer Woche haben wir begonnen, zusammen UK Subs-Songs zu spielen. Ich glaub, Knox war mit mir da, oder die ganzen Vibrators, und dann eben UK Subs mit Knox. The Vibrators und wir sind beste Freunde, das waren nette Wochen. Es war fantastisch. Wir haben auf der Loreley am Rein gespielt, was eine der besten Venues ist. Es war großartig.

UK Subs

UK Subs

Wie lebt sich es eigentlich mit der Bezeichnung „Godfather of Punk“ ?

Ich glaube nicht, dass ich der Godfather bin, ich denke Iggy Pop oder Lou Reed sind das. Ich bin der Grandpa. (lacht). Nur der Großvater. Wir spielten letzte Nacht einen Song, am Ende der dritten Zugabe glaub ich, und Prag ist ausgeflippt. Der Song wurde 1969 geschrieben, ich glaube, dass macht mich dann zum Opa.

Und wie siehst du als „grandpa of Punk“ die Enkel? Die kommerziell erfolgreichsten Bands, die sich „Punk“ nennen, verhalten sich wie Dinosaurier Rock-Bands, Green Day schreiben Rock-Opern …

Echt, die schreiben eine Rock-Oper? Green Day sind einfach eine Band, eine sehr erfolgreiche Band. Wir haben damals in den USA getourt, in einem Van, und wir hatten ein Tape von dieser Westcoast-Band. Während jeder damals Hardcore gespielt hat, wo du kein Wort verstehen konntest, waren Green Day ein frischer Wind. „Sind die aus England“, hab ich gefragt. „Nein, aus Kalifornien!“. Ich war wirklich überrascht. Damals waren sie wie gesagt ein frischer Wind. Die hatten wirklich Talent. Sie kamen mal nach England, spielten in einer Venue namens „The Garage“ als Eröffnungsband. Da standen nur 20 Leute im Publikum, und Green Day haben eine fantastische Show gemacht. Scheint so, als wären sie jetzt zu alt, das zu tun, was sie damals gemacht haben, rumzuspringen, ihre Musik zu spielen. Das machen sie nicht mehr, jetzt machen schreiben sie ein Ballett oder sowas (lacht). Ich wünsch ihnen aber viel Glück. Du kannst jede Band fragen, was Anarchie für sie bedeutet, und jeder wird dir mit einer anderen Antwort kommen. Ich werd oft gefragt, was ist DIY, was ist Punk. Jeder sagt dir was anderes.

Was ist deine Auffassung?

Nun, zum Beispiel: ich glaub, dass Anarchie Selbstverwaltung bedeutet, aber dafür sind wir offensichtlich noch nicht bereit. Andere sagen, es bedeutet, die Regierung zu töten. Ein anderer würde sagen „Ich möchte seinen Computer“, und nimmt ihn, weil er das Recht dazu hat. Wieder ein anderer würde sagen „Es ist mein gutes Recht, deinen rechten Arm abzuschneiden“, Sachen, die zu nichts führen. Wir sollten einfach friedlich unser Ding machen und keine Leute, keine Kinder, indoktrinieren. Das ist etwas, was derzeit empörend ist auf der Welt, Kindern werden irgendwelche blödsinnigen Religionen indoktriniert, und das führt zu Konflikten.

Eine Frage noch: du spielst ja oft Akustik-Sets auf Open Mic Nights

Ja, ist das nicht witzig (lacht). Das ist gerade sehr populär in England. Da gibt es einen Bar, wo jeden Mittwoch eine solche Nacht stattfindet. Auch an Freitagen, aber da arbeiten wir immer. Am Mittwoch gehe ich hin, ich hab meine Zwölfsaitige Gitarre mit mir, und spiele „hoe down“ Songs. Das macht ziemlichen Spaß. Es weiß dort keiner, wer ich bin. Anderso wissen sie, dass ich das tue, aber im Pub weiß keiner Bescheid. Es ist großartig, einer kommt mit dem Banjo, ein anderer mit der Slidegitarre, ein anderer wieder kommt mit einem kleinen Schlagzeug dazu. Das sind schöne Nächte. Alles akustisch, das macht Spaß. Letzten Sommer haben wir alle dazu gebracht, Cab Calloway zu singen; „Hi Di Hi Di Hi Di Ho“, das ganze Pub hat das gesungen, das war brilliant.

Markus Brandstetter

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