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Ausblick über Wien (c) STADTBEKANNT
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André Chénier

28. Juli 2011 • Kultur2 Kommentare zu André Chénier

Ein Dichter, der in den Wirren der französischen Revolution zwischen die Fronten gerät, ist namensgebender Protagonist in Umberto Giordanos Oper André Chénier, die heuer bei den Bregenzer Festspielen gezeigt wird. Indendant David Pountney zeigt also keinen Evergreen oder Dauerseller, sondern ein relativ unbekanntes Werk – ein Risiko, dass es sich einzugehen gelohnt hat: denn André Chenier hat alles, was es braucht, das große Publikum anzulocken.

Die rasante Handlung ist schnell erklärt: Chénier, ein sensibler Poet, der sich in den Sphären des Adels bewegt, aber deren Lebensstil zugleich kritisiert, findet im Diener Gérard seinen Gegenspieler. Der, zum Sekretär der Revolution aufgestiegen, sieht Chénier wegen seinen Verbindungen zur Adeligen Madeleine di Coigny nämlich als Verräter und lässt ihn verhaften. Es folgt das Duell, die Läuterung des Bösewichtes, die Gerichtsverhandlung sowie das unvermeidbare Todesurteil für Chénier – sowie dessen Vollstreckung.

Alles dreht sich, alles bewegt sich.

Nannte ich Chénier vorhin den Protagonisten der Oper, muss ich mich korrigieren: Hauptdarsteller ist nämlich die Bühne selbst, die bei den Bregenzer Festspiele zwar immer schon spektakulär sein musste, dieses Jahr allerdings noch eines drauf setzt. Denn es ist niemand geringerer als der ermordete Jean Paul Marat, dem auf der Nase herum getanzt wird: gespielt und gesungen wird also auf dem Revolutionsführer höchstpersönlich, der wie ein schlafender Riese bedrohlich über dem Stück wacht. Der Tote aus Stahl, Styropor und Plastik, der da in riesenhafter Gestalt im Bodensee liegt, wurde dem berühmten Gemälde von Jacques-Louis David geschaffen, das den in der Badewanne ermordeten Revolutionär in klassi(zisti)scher Märtyrerhaltung zeigt. Doch die Bühne birgt noch viele weitere Überraschungen.

Mit Bombast und Effekten wird nicht gegeizt: die Solisten sowie eine scheinbare Hundertschaft an Statisten steigen ständig auf den Schultern des Giganten hoch und hinunter, ständig stürzt sich jemand in den Bodensee und dauernd bewegt sich die Bühne. So wird nicht nur das riesige Messer in der Brust des Marat ein- und ausgefahren, sondern auch der Kopf selbst öffnet sich und gibt das Büchermeer in Chéniers Kopf frei. Die ganz großen Gesten werden also bemüht, intime Momente sucht man in der Inszenierung vergeblich. Alles wird aufgeboten – ohne allerdings dabei den Blick auf die Handlung zu verlieren.

Als dann gegen Ende die Schlinge um Chénier enger gezogen wird und der Kopf des Marat dazu buchstäblich seine Stacheln ausfährt, meint man, dem Ganzen wäre schon die (Dornen)krone aufgesetzt worden – allerdings holt das Ensemble da erst zum Finalen Schuss aus: der Tod persönlich erscheint im überdimensionalen Schminkspiegel, als am Ende mit Chénier auch Madeleine in den Fahrstuhl zum Schafott steigt. Der Vorhang fällt mitsamt dem Fallbeil, die Revolution frisst mal wieder ihre Kinder.

Bregenzer Festspiele, 20. Juli bis 21. August
(Studenten)karten ab €8.

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2 Antworten auf André Chénier – Verstecken

  1. epod sagt:

    ja!
    HINFAHREN! bregenz ist eine reise wert, der bodensee sowieso, und die festspiele gehören zum sommer sowieso dazu <3

  2. anaa sagt:

    Tja wenn
    Man eine Karte bekommt, dann…

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