Kultur

Brion Gysin, William S. Burroughs, Danger, Paris 1959, The Barry Miles Archive

Wortverdreher

21. August 2012 • Kultur

William S. Burroughs – der Junky, der zur Beat-Ikone wurde, den Literaturbetrieb revolutionierte und versehentlich seine Frau erschoss. Die Kunsthalle Wien zeigt noch bis 21. Oktober eine umfassende Ausstellung seines Schaffens.

Seinen ersten richtigen Roman mit dem Titel „Junky“ aus dem Jahr 1953 schrieb William S. Burroughs aus Scham vor seiner Mutter unter einem Pseudonym. Der Skandal den Burroughs mit seiner autobiographischen Drogenbeichte ablieferte, sollte von nun an zum Markenzeichen des Popliteraten werden. Unermüdlich experimentierten Burroughs und seine Weggefährten – die man später Beat-Generation nennen sollte – mit Texten, Zeitungen, Fotos, Zeichnungen, später auch mit Audio und Film.

Zerschnipseln als Methode

Gemeinsam mit Beat-Kollege Brion Gysin begann Borroughs Ende der 50er Jahre Literatur, Zeitungen, Bilder und eigene Texte systematisch zu zerschneiden und in veränderter Reihenfolge wieder zusammenzukleben und abzutippen. Gysin hatte beim Zuschneiden eines Passepartouts versehentlich eine darunterliegende Zeitung zerschnitten. Die „Cut-up Technik“ war geboren. Der Zufall wurde zur Methode erhoben. William S. Burroughs – der selbst gerne Ratgeber für Suchtkranke, Esoterik- und Schundliteratur las – schrieb Cut-up gesellschaftsverändernde Fähigkeiten zu. Texte dieser Art würden laut Burroughs zur Bewusstseinserweiterung beitragen und den Menschen ins „Space Age“ überführen.

Genie und Wahnsinn

Dem „Space Age“ war Burroughs zeitweise sehr nahe gekommen: So erschoss der Waffennarr in jungen Jahren beinahe seinen Jugendfreund Richard Stern und tötete 1951 aus Versehen seine Frau in einem bizarren Wilhelm Tell Stück in Mexico-Stadt. Seine Faszination für Schusswaffen sollte der Literat später auch malerisch umsetzen, indem er auf Farbdosen und von ihm gezeichnete Polizisten schoss. Auch hier hatte der Zufall Methode, wenn er Farbdosen mit einem Schrotgewehr beschoss und sich die Farbspritzer auf den Gegenständen dahinter zu Zufallsbildern formierten. Die „Cut-up Technik“ hielt schließlich auch im Film Einzug: Immer wiederkehrende Bild- und Tonelemente, die beliebig aneinandergereiht werden und so eine besondere Faszination und Spannung auslösen, findet man bis heute in Musikvideos, sowie Kurz- und Spielfilmen.


William S. Burroughs, Brion Gysin, Untitled (p. 157), circa 1965,
Los Angeles County Museum © Estate of William S. Burroughs

Mit „Naked Lunch“ zu Weltruhm

Im 1959 erschienenen Roman „Naked Lunch“ zeichnete Burroughs eine Welt voller Abgründe. Alle Tabus, die bisher noch nicht eingehend gebrochen waren, sollte der Autor hier schamlos aneinanderreihen. Ein Roman ohne linerae Erzählung, indem sich Burroughs? gesamtes bisheriges Leben im Exzess, der Halbwelt und der gesellschaftlichen Extreme widerspiegelt. Erst in den 80er und 90er Jahren entdeckte die explodierende Popkultur den streitbaren Literaten für sich und so hatte er entscheidenden Einfluss auf Künstler, Musiker und Filmemacher dieser Zeit.

Eine Ausstellung wie ein einziges „Cut-up“

Beim Besichtigen der ausgestellten Manuskripte, Collagen, Skizzen, Filme, Tonexperimente, zerschnipselten Fotos und Schussbilder, meint man sich direkt in einem Handlungsstrang aus „Naked Lunch“ zu befinden. Die Faszination des Wahnsinns wird bei Burroughs in jeder „Cut-up“-Zeile spürbar. Eine solche Zeile kann man sich als Ausstellungsbesucher dann auch selbst zusammenbasteln, indem man die gesammelten Beschreibungszetteln aus den einzelnen Räumen an einer Wand beliebig aneinanderreiht. Schusswaffen gibt?s allerdings keine – vielleicht auch besser so.

Cut-ups, Cut-ins, Cut-outs
Die Kunst des William S. Burroughs
zu sehen bis 21. Oktober in der Kunsthalle Wien

Foto (c) Brion Gysin, William S. Burroughs, Danger, Paris 1959, The Barry Miles Archive

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