Utopie Gesamtkunstwerk  Ausstellungsansicht, 2012 (Display Esther Stocker)  © Belvedere, Wien / Foto: Roland Unger

Welcome to Utopia

23. Jänner 2012 • Kultur

War die Schau „Schöne Aussichten“ anlässlich der Neueröffnung des 21er Haus eher dem Museumsbau selbst gewidmet, ist nun die erste reguläre Ausstellung ebendort zu besichtigen. Unter dem Titel "Utopie Gesamtkunstwerk" sind fast 50 künstlerische Positionen versammelt, welche die Idee eines Gesamtkunstwerks kritisch beleuchten, und die – wie sich zeigt – die Vorstellung eines solchen als Mythos entlarven.

Das Konzept des Gesamtkunstwerks findet sich bereits bei dem Komponisten Richard Wagner, der gewissermaßen den kulturhistorischen Ausgangspunkt der Schau bildet. Im Unterschied zur Auffassung der Romantik, die das Gesamtkunstwerk als Symbiose von Natur und Leben betrachtete, bedeutete das Gesamtkunstwerk für Wagner die Zusammenführung von Kunst und Leben. Diese Idee einer Einheit wurde Mitte des 19. Jahrhunderts, in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche also, geboren und schwang seitdem als gesellschaftliche Utopie in der Kunst weiter.

Einheit und Fragment

Die Idee des Gesamtkunstwerks im Sinne einer Verschmelzung aller Kunstformen bleibt aber historische Wunschvorstellung. Es dominiert vielmehr die von Wagner befürchtete Fragmentierung und Abgrenzung gegenüber dem "Anderen", was gleichermaßen das Gegenteil des Ganzen ist. Diese Ambivalenz wird in der Ausstellung von der Künstlerin Esther Stocker aufgenommen: überdimensionale schwarze Kuben stapeln sich scheinbar lose im Aussstellungsraum und zollen der Fragmentierung Tribut. Gleichzeitig bieten die Kuben Platz und Raum für die Arbeiten anderer KünstlerInnen und stellt somit das Gesamtkunstwerk, das gleichzeitig zerstört und erhält, zur Diskusison. Und mit Beuys, dessen sozialpolitisches Engagement mit der Arbeit „7000 Eichen“ in späteren Jahren bei der Künstlergruppe Wochenklausur wiederauftaucht, oder mit Peter Weibel, der mit seinem „gequältes Quadrat“ auf Malewitsch referenziert, wird die Idee des Gesamtkunstwerks im Sinne einer künstlerisch wiederkehrenden Idee deutlich.

Paul Mc Carthy

Verschiedene Ansätze und Referenzen

Insgesamt zeigt die Ausstellung ganz verschiedene Arbeiten, die wiederum verschiedene Ansätze zur Reflexion bieten. Einigen Arbeiten liegt ein gesellschaftlicher Impetus inne, etwa Paul McCarthys „Basement Bunker“, in dem eine Farbschlacht zur ironischen Metapher auf Politik und Demokratie wird. Andere sind weniger politisch, denn als persönlich, beispielsweise Teile aus Schlingensiefs multimedialem Fluxus-Oratorium „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“. Einige stammen von jungen Positionen, daneben nahm man auch kunstgeschichtlich wertvolle Arbeiten in die Ausstellung mit herein. Damit knüpften die Kuratoren auch an die Geschichte des Hauses an – hatte Harald Szeemann mit der Ausstellung „Der Hang zum Gesamtkunstwerk“ doch bereits 1983 seinen Blick auf das „Gesamtkunstwerk“ gerichtet.

(BP)

Utopie Gesamtkunstwerkes
21er Haus
bis 20.5.2012
Eintritt € 7,00 / € 5,50

Fotocredits:
Paul McCarthy Basement Bunker: Painting Queens in the Red Carpet Hall 3, 2003 Foto, Cibachrome auf Aluminium , 183 × 122 cm Belvedere, Wien (Dauerleihgabe Wolfgang Anselmino)
Foto: Ann-Marie Rounkle

Utopie Gesamtkunstwerk Ausstellungsansicht, 2012 (Display Esther Stocker) © Belvedere, Wien / Foto: Roland Unger

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