Kultur – Musik

Les Paul

We DO play guitars!

21. November 2010 • Musik

Yes, we play guitars!
 
Am 28.11. gastiert Gitarrenvirtuose PAUL GILBERT in der Szene Wien. Ein guter Anlass, sich mal über die verschiedenen Typen von Gitarrenhelden, endlose Soli und eventuellen Griffbrett-Extravaganzen Gedanken zu machen.
 
Im postmodernen Musikzyklus hat das klassische E-Gitarrensolo mittlerweile ja eine eher kontroverse Stellung. „Völliger Bullshit und unnötige Griffbrett-Masturbation“, sagen die einen. Musikalisch diplomatischere Zeitgenossen meinen „wenn’s dem dem Song dienlich ist und nicht zum Selbstherzeig-Selbstzweck wird“. Und dann gibt’s eben die Bewunderer, die Musician’s musicians, meist selbst sehr versierte Gitarristen denen Endorphin-Schauer den Rücken herunterlaufen wenn’s gekonnt und im hohen Tempo quer durch die Kirchentonarten übers Griffbrett geht.
 
Typ 1: Rock’n’Roll-Gott
Der Rock’n’Roll Gott ist sehr puristisch veranlagt. Bei Rock’n’Roll Gott geht es nicht um großartige Klangexperimente sondern um einen Signature-Sound, im besten Falle um diverse nicht immer legale Substanzen (denn wir wollen ja Rockstars und nicht den netten Nickelbag-Typen von nebenan!) und um Attitüde. Der Rock’n’Roll Gott will gar nicht mit von der Partie sein, wenn Axl meint, dass „Chinese Democracy“ modern klingen müsse, viel lieber bleibt er beim Altbewährten. Klar, der Rock-Gott liebt die Soli und die Soli lieben den Rock-Gott, jedoch geht es bei jenen ums Sahnehäubchen auf der Torte. Da kanns schon mal vorkommen, dass die Les Paul pro Song mehr als einmal im Vordergrund steht (hüstel, November Rain).
 
Typ 2: Der Madman
Der Madman kommt meist aus dem Frank Zappa Umfeld und hat sich dort seine ersten Sporen mit dadaistischen Extravaganzen verdient. Nachdem er aus Franks Drillcamp kam, wo er desöfteren auf Bühnen liebevoll vorgeführt wurde wie ein Zirkusafferl und vielleicht nebenbei ein bisschen Zusatztaschengeld bei Hairspray-Bands verdient hat, tobt sich der Madman in zahllosen Solo-Projekten eklektischer Natur aus, entwirft nicht immer geschmackvolle Signature-Gitarren bei Ibanez und wird von seinen Jüngern, eh zurecht, angebetet. Der Madman zeigt schon in jedem Song, dass er mit seinem Gitarrenspiel den Atomkrieg wegspielen kann, wenn er will. Outfittechnisch tobt sich der Madmen aus wie kein anderer, von blinkenden Hüten über Rüschenblüsen und abgespaceten Sonnenbrillen ist alles drin. Was kostet die Welt: if we wake before we die, at least on earth there is Steve Vai!
 
Typ 3: Der Neoklassizisten-Psycho
Der Neoklassizisten-Psycho hält sich für die Reinkarnation von Paganini, Beethoven, Bach, Mozart und Joey Batafuoco in einem. Seine Skalen, gerne A Harmolisch Moll über einen 4/4 Beat, beherrscht er im wie Schlaf. Der Neoklassizisten-Psycho findet zwei Ringe pro Finger ästhetisch ansprechend, die er sich mit ewig gleichen Alben finanziert die nach wie vor eine große Anhängerschaft haben. In Lehrvideos nickt sich der Neoklassizisten-Psycho gerne selbstzufrieden zu, wenn er mal ein „extra-fast“ Pentatonik-Lick genagelt hat, ist sozial gesehen ein wenig eigensinnig (Feinde sprechen gerne von Soziopathentum) und hat prinzipiell größere Primär-Geschlechtsteile als die meisten anderen. Popkulturell gesehen ist der Neoklassizisten-Psycho im Reich der Gitarrensoli am wenigsten gern gesehen und, in vielen Fällen, auch zurecht ei wenig verhöhnt.
 
Typ 4: Der hypertalentierte Vernünftige
Der hypertalentierte Vernünftige spricht, zum Entsetzen des Neoklassizisten-Psychos, gerne von Unfassbarkeiten wie „Songdienlichkeit“ oder „Platz zwischen zwei Noten“. Der hypertalentierte Vernünftige hat durchaus große technische Fähigkeiten, nur ist er der Meinung, diese nicht ständig herzeigen zu müssen. Der hypertalentierte, Vernünftige ist oft ein tragender Teil von bekannten Bands, die ohne ihn nicht wirklich interessant wären (Ausnahme hier z.b. Radiohead, Prost, Johnny!). Künstlerisch wird ihm sehr schnell langweilig mit ihm selbst, was ihn nie dazu verleitet, das selbe Album ein zweites Mal zu machen.
 
Soweit, so gut: Marshall auf Elf und prost!

(Markus Brandstetter)

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