Wien – Gut zu wissen

Udo Proksch

Waffen in der Konditorei

29. Mai 2013 • Gut zu wissen

In welcher Konditorei wurde auch mit Waffen gehandelt?

Mittlerweile haben die Torten der k. u. k. Hofzuckerbäckerei Demel ihren bitteren Beigeschmack verloren. Kaum einer denkt mehr an den spektakulären Kriminalfall Lucona und das geheimbündlerische Netzwerk des Club 45, wenn er in die kalorienreichen Auslagen am Kohlmarkt blickt. Und trotzdem passt die Geschichte um Udo Proksch nach Wien. Zwar gab es auf der ganzen Welt ähnliche Waffenskandale und dubiose Lobbyinglogen, aber nirgends werden sie mit so viel Buttercreme serviert. Wien ist eben anders.

Dieser Udo Proksch, 1934 in eine Rostocker Familie nationalsozialistischer Prägung geboren, trat ab 1972 als Inhaber der Konditorei Demel auf. Im zweiten Obergeschoß initiierte er 1973 die Gründung des Club 45. Die Mitgliederliste des Herrenclubs nach weltmännischem Vorbild war so üppig wie die Süßspeisen im Parterre: Neben den Spitzen der Politik (Minister und Parteigrößen der SPÖ wie Karl Blecha, Helmut Zilk, Karl Sekanina, Herbert Salcher, Erwin Lanc, Leopold Gratz, Karl Lütgendorf, Heinz Fischer, Hannes Androsch und Franz Vranitzky – der Bundeskanzler und Sonnenkönig seiner Zeit, Bruno Kreisky, war selbst nie Mitglied) gehörten auch die Chefs der staatsnahen Wirtschaft, Juristen, Journalisten und Künstler dazu. Außerdem Wiens damaliger Polizeipräsident Karl Reidinger und ein hoher Offizier des Heeres-Nachrichtenamtes.

Genau diese Kontakte und seine Ministerfreunde wurden für Proksch später sehr wichtig: zunächst als Akten über illegalen Waffenhandel unter Verschluss gehalten wurden, in denen sein Name stand. Als Proksch, der im täglichen Leben gerne mit geladenen Pistolen herumlief und auf Truppenübungsplätzen Krieg spielte, dann 1977 zwecks Versicherungsbetrugs den Frachter „Lucona“ auf offener See sprengte und dabei sechs Menschen tötete, bewahrten ihn seine Freunde sieben Jahre lang vor ordentlichen gerichtlichen Untersuchungen. 1985 wurde er dennoch verhaftet und wenig später wieder freigelassen, Proksch flüchtete nach Erscheinen des Buches „Der Fall Lucona“ auf die Philippinen, ließ sein Gesicht operieren, wurde aber schon 1989 auf dem Flughafen Schwechat wieder festgenommen. 1992 wurde er zu lebenslänglicher Haft verurteilt, er starb 2001 im Gefängnis.

Die Freunde bekamen ebenfalls zeitverzögert die Club-Rechnung: SPÖ-Nationalratspräsident Leopold Gratz trat zurück, SPÖ-Innenminister Karl Blecha ebenfalls, Karl Lütgendorf (er hatte Proksch als Verteidigungsminister auf Heeresgerät Krieg spielen lassen) hatte schon 1981 Selbstmord begangen. Der Glamour des „bunten Hundes“ Proksch, der den „Verein der Senkrechtbestatteten“ gegründet und sich abwechselnd als Networker, Designer, Schweinehirt und Zuckerbäcker bezeichnet hat, verblich.

1992 wurde der Club 45 wegen zahlreicher Austritte aufgelöst. Die angeblichen Kameraaufnahmen des teils pikanten Treibens einiger Mitglieder, mit denen Proksch seine Freunde erpresst hatte, tauchten nie auf.

Ab 1992 traf man sich im Demel wieder ausschließlich zum Tortennaschen. Und wen diese Geschichte an aktuelle Vorgänge erinnert, an den legendär lächerlichen Untersuchungsausschuss des Jahres 2012, an jenen viel zu schönen Ex-Minister, der noch immer nicht verhaftet ist, obwohl alle außer seinen Freunden riechen, dass es stinkt, wer an Penthäuser denkt und an Geldflüsse für dünne Gutachten, der ist entweder ein Schelm. Oder im Marzipan-Zuckerrausch.


„Darf’s a bisserl mehr sein?“

Weitere Fragen zu Wien und deren interessante Antworten findest du in Wann verlor das Riesenrad seine Waggons? von Axel N. Halbhuber erschienen im Metroverlag. 

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