Wien – Grätzltipps – 9. Alsergrund

(c) Nohl stadtbekannt
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Von der Garnisongasse bis zur Berggasse

3. März 2013 • 9. Alsergrund4 Kommentare zu Von der Garnisongasse bis zur Berggasse

Von der Garnisongasse bis zur Berggasse stößt man auf so manchen Bekannten: Weltcafé, Café Berg oder Freud Museum brauchen hier wohl nicht erwähnt zu werden. Doch in diesem Grätzl versteckt sich noch der ein oder andere Geheimtipp für Liebhaber des Films, leidenschaftliche Tangotänzer oder motivierte Schnitzelesser.

Garnisongasse

Gleich einmal Gold gibt es für das kleine italienische Café Dorato – zu Deutsch "goldenes Kaffeehaus". Die Inneneinrichtung schimmert nämlich so golden wie das Fell von Lokal-Retriever Liu. Doch auch Mittagspasta und Ein-Euro-Espresso sowie Aperol Spritzer und Antipasti haben zum Siegerplatz in der Kategorie "Italienischste-Bar-Wiens" beigetragen. Und das obwohl der Besitzer nicht einmal aus Italien kommt.

Ein Stückchen weiter ruht wohl die letzte Hoffnung auf das Überleben von realen Videotheken. Bereits der Name der Filmgalerie 8 1/2 deutet auf eine besondere Auswahl von Non-Mainstream-Filmen à la Fellini hin. Mit dem einmaligen Mitgliedsbeitrag von € 8,5 kommen Cineasten auf ihre Kosten. Lieber barfuß als ohne Buch lautet ein isländisches Sprichwort, das nebenan bei Yellow Taschenbücher gelebt wird: und zwar in Form von Softcovern. Die gibt es antik oder neu aus Bereichen wie Geschichte, Philosophie, Science Fiction, Krimi, Literatur oder Soziolgie.

Schwarzspanierstraße

Ehe man sich versieht, ist man auch schon in der Schwarzspanierstraße gelandet, dessen Anfang eine kulissenhafte barocke Fassade bildet, die noch nicht vermuten lässt, dass sich nach Betreten der Türe tatsächlich mehr als nur Luft und Stützpfeiler befinden. Das Albert Schweitzer Haus beherbergt schließlich zahlreiche Studenten, ein Restaurant und Veranstaltungsräume inklusive Tangobar für heiße Nächte wie in Buenos Aires.

Ein etwas anderer südlicher Wind weht im Weltladen gleich neben dem Weltcafé. Dort werden Bücher, Musik, Kunstwerke und Lebensmittel aus Ländern in Afrika, Südamerika und Asien ganz im Sinne von Fair Trade feilgeboten.

Mit dieser Lebenseinstellung geht es auf die andere Straßenseite vorbei an einem postkartenähnlichen Anblick der Votivkirche hin zur Regenbogen-Stuben. In dem heimeligen Wirtshaus wird auf Tiefkühlkost und Mikrowelle verzichtet; alle Speisen werden schonend zubereitet. Zu Mittag gibt es neben Fisch oder Fleisch auch immer Vegetarisches, manchmal wird sogar aryuvedisch oder vegan gekocht. Eine weitere Möglichkeit für ein Mittagessen in Uninähe ist das Rice & Noodles, das sich vor allem preislich von seinen kulinarischen Nachbarn abgrenzt. Für etwa 3 Euro bekommt man Reis oder Nudeln mit Sauße. Geschmacklich ist es vor allem in Anbetracht des Preises in Ordnung. Die To Go Variante ermöglicht das im Sommer ansprechende Verspeisen des Mittagessens im Votivpark.

Berggasse

Schlendert man von der Schwarzspanierstraße nun weiter im Fluss des Verkehrs über die Währingerstraße hinüber, landet man auf dem Gipfel der bezeichnenden Berggasse. Und schon gleich bei der ersten Kreuzung gegenüber vom Café Berg befindet sich das motiWirt!n. Dort haben sich die beiden jungen Menschen Lisa und Christian zur Verwirklichung eines gemeinsamen Traumes motiviert und ein Wiener Beisl eröffnet. Und genau hier findet sich der Beweis dafür, dass der Wiener Tradition jugendlicher Flair eingehaucht werden kann, ohne dabei an Authentizität zu verlieren. Schön zu sehen, dass auch jüngere Generationen speisentechnische Bodenständigkeit schätzen.

Weniger bodenständig geht es hingegen im Philosophie im Boudoir ein Stück weiter unten zu. Und das ist auch gut so, steht die Berggasse ja auch in enger Verbindung mit Freud und seinen Träumen. Und Träumen lässt es sich in dem Geschäft der früheren Vivienne Westwood Schülerin Renate Christian allemal, werden hier schließlich unter anderem erotische Dessous an die Frau gebracht. Einer anderen Leidenschaft kann Frau ein paar Schritte weiter nachgehen. Und diese Leidenschat heißt Taschen. Mit ihrem Label Tankai verwirklicht Designerin Angelika Kaspurz Lederträume in allen möglichen Formen und Farben, inspiriert von Natur und Reisen. Die Stücke sind Unikate; Maßanfertigungen nach eigenen Vorstellungen sind aber ebenso Teil des Programms.

Abschließend wollen wir noch kurz über die Kunst des Lebens philosophieren. Und dies geht wohl am Besten in der Galerie Fortuna, in der Künstlern aus Ländern jenseits des materiellen Wohlstands ein Forum für ihre Kreationen geboten wird. Der Kontrast zwischen materieller Armut und kreativem Reichtum wird hier besonders deutlich.

Fazit

Das Grätzl zwischen Garnisongasse und Berggasse ist örtlich wie philosophisch jenseits des Mainstreams. Im Hintergrund versteckt nur wenige Schritte vom belebten Schottentor entfernt, brodeln in den Gassen Suppentöpfe mit Hirse und Kichererbsen genauso wie große Ideen zur Rettung der Menschheit und umschlungene Tango Argentino Tänzer.

Christina Nohl

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4 Antworten auf Von der Garnisongasse bis zur Berggasse – Verstecken

  1. Coffehunter sagt:

    Seltsam
    Die unpersönliche Lounge im Studentenheim und dieses Regenbogenstüberl als Empfehlung? Net wirklich!
    Mein tip in der Gegend: Espresso Hobby! Ambiente, Service und Qualität unschlagbar!

    • christina sagt:

      da muss ich dir Recht geben! Leider wurde ich auf das Espresso Hobby erst nach Veröffentlichung des Artikels aufmerksam gemacht – es versteckt sich ja ganz gut in der Ecke hinter den Säulen! Dabei würde ich es vielleicht sogar als Highlight dieses Straßenduos bezeichnen! Ausgezeichneter Espresso, irrwitzige Stammgäste
      und ein Lokal in Form eines Flügels! Ich hoffe auf ein klein wenig Versöhnung mit diesem Nachtrag!

  2. Coffehunter sagt:

    PS
    Italienisch ist das Hobby mit seiner Faema E61 auch mehr als das Dorata!

  3. Lukullus sagt:

    Hmm!
    Nicht nur das großartige HOBBY fehlt sondern auch meine Lieblingssuppenküche ZUPPA!

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