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(c) bachmannpreis.eu
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Von Partisanenkampf bis Online-Porno

8. August 2011 • Kultur

Der heuer zum 35. Mal vergebene Bachmann-Preis endet mit einem Heimspiel: die Kärntner Slowenin Maja Haderlap gewinnt mit einem Auszug aus ihrem Romanerstling „Engel des Vergessens“ den mit 25.000 Euro dotierten Literaturwettbewerb.

Es war keine leichte Entscheidung für die Jury: erst nach wiederholtem Anlauf setzte sich Maja Haderlap gegen den deutschen Autor Steffen Popp durch. Dieser erhielt für seinen Text „Spur einer Dorfgeschichte“ den Kelag-Preis (10.000,- Euro). Der 3-sat-Preis (7.500,- Euro) ging an die Schriftstellerin Nina Bußmann, von den anwesenden Zuhörern wurde der Autor Thomas Klupp mit seinem Text „9to5 Hardcore“ über einen einen Studenten, der für ein Uni-Projekt ununterbrochen Pornos konsumiert, für den VILLI-Publikumspreis gewählt.

Für die 1961 geborene Maja Haderlap war es eine Art Heimspiel – bekam sie als Einheimische den Klagenfurter Preis verliehen und beschreibt ihr Text „Engel des Vergessens“ doch eine Dorf- und Familiengeschichte von Kärntner Slowenen im Widerstand gegen die deutsche Wehrmacht.

Thema als unaufgearbeitetes Kapitel der österreichischen Geschichte

Haderlap bearbeitet damit ein Thema innerhalb der österreichischen Geschichte, das überregional bislang wenig Beachtung fand. Auch im literarischen Kontext ist es ein nahezu unbeschriebenes Blatt, wie in der Laudatio beschrieben wurde. Erzählt wird aus der Perspektive eines Mädchens in ihrem Versuch, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Der Krieg ist zwar bereits vorbei, in den Köpfen der slowenischen Minderheit, die in Kärnten lebt und zu der die Familie gehört, ist er aber immer noch präsent. "Sie beschreibt es bedächtig, mit großer Genauigkeit und ohne Hass", sagte Daniela Strigl, die Haderlap auch nominiert hatte. In der Tat erfordert der Text langsames Lesen, um die Poesie der Bilder, die die Autorin zeichnet, wirken zu lassen, wie folgende Textprobe zeigt:

„In den Wald zu gehen bedeutet in unserer Sprache nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln. Es heißt auch, wie immer erzählt wird, sich zu verstecken, zu flüchten, aus dem Hinterhalt anzugreifen. Man habe im Wald geschlafen, gekocht und gegessen, nicht nur in Friedenszeiten, auch im Krieg seien Männer und Frauen in den Wald gegangen. Nicht in den eigenen Wald, nein, dafür sei er zu schütter, zu klein und zu überschaubar gewesen. In die großen Wälder seien sie aufgebrochen. Die Wälder seien der Zufluchtsort vieler Menschen gewesen, eine Hölle, in der Wild gejagt worden sei und in der sie gejagt wurden wie Wild.“

Literaturwettbewerb nach Vorbild der Gruppe 47

Seit seiner Gründung im Jahr 1977 gilt der Bachmann-Preis als einer der wichtigsten Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Im Rahmen der Veranstaltung Tage der deutschsprachigen Literatur treten vorausgewählte TeilnehmerInnen mit einem bislang nicht publizierten Text vor dem Publikum auf. Eine 7köpfige Jury, bestehend aus PublizistInnen, KritikerInnen, WissenschafterInnen und SchriftstellerInnen, übernimmt die anschließende Diskussion und Kritik. Dieser Modus wurde von dem Vorbild des Wettbewerbs, der Gruppe 47, übernommen. Insgesamt nahmen heuer 14 SchriftstellerInnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an dem Wettbewerb teil. (Barbara Pflanzner)

Auszug aus „Engel des Vergessens“ als Textprobe.

Maja Haderlap: Engel des Vergessens, 2011, erschienen im Wallstein-Verlag, Innsbruck

Foto: (c) bachmannpreis.eu

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