Kultur – Film / TV

I'm Still Here

Viennale Nachtrag: Ich ist ein anderer

4. November 2010 • Film / TV

War das alles wirklich nur ein Hoax? Wars keiner? Darum geht es in Casey Afflecks Mockumentary I’m Still Here eigentlich auch gar nicht.

Ein Mann, ein Bart, ein Skandal

Wir erinnern uns: 2008 verkündete Joaquin Phoenix, seinen Schauspielberuf an den Nagel zu hängen und fortan seine Brötchen als Rapmusiker zu verdienen. Es folgen YouTube Vidoes, die einen wortkargen, verwahrlosten und verwirrten Phoenix bei David Letterman zeigten oder Rapauftritte, die einem die Fremdschamesröte ins Gesicht trieben. Ein gutes Jahr später, im September 2010, erschien dann der Film I’m Still Here, der nun auch im Rahmen der Viennale lief.

Casey Affleck, Joaquin Phoenix Schwager, filmte den Ex-Schauspieler und Rapper Newbie ein Jahr lang beim Bartwachsen, Koksen, Nuttenbestellen, im Studio Abhängen, Musikmachen und Zigarretten- und Alkoholkosum. Der sich selbst explizit als Dokumentation bezeichnende Film beginnt der credibility halber mit wackeligen Homevideos aus Phoenix Kindheit irgendwo in Lateinamerika, um seine eigene Klassifizierung im Abspann mit „Written and produced by Casey Affleck and Joaquin Phoienix“ wieder aufzuheben. Darf man das alles? Tinseltown stand Kopf.

Zwischen Fiktion und Wirklichkeit

Nun wissen wir, Medienberichten zufolge, dass alles, also die Fernsehauftritte, die Prügelein, die katastrophalen Rapauftritte und im Endeffekt der gesamte Film an sich, nur ein Hoax, ein Scherz, ein Bubenstreich war.

Aber: Ob das nun wirklich ist oder nicht, darum geht es in I’m Still Here doch eigentlich gar nicht.

Obwohl Phoenix den Hollywoodschauspieler in Existenzängsten, der aus dem Medienindustriezirkus ausbrechen will und dazu alles was Gott verboten hat auslebt, ganz hervorragend mimt, schwingt da dennoch etwas anderes mit. Der Film wirft Fragen auf nach Authentizität, nach medialer und realer Identität, nach deren Generierung. Nicht zufällig erinnert der Titel an Todd Haynes Bob Dylan Hommage I’m Not There eben jenen Film, der Identität und deren medialer Inszenierung radikal in Frage stellt. Es drängt sich förmlich Nancys Fragestellung auf: „Weiß man denn überhaupt, wovon man spricht (…), wenn (…) so belastete Begriffe wie "Identität" (…) die seit – zumindest – einem halben Jahrhundert mit philosophischen, psychoanalytischen, ethnologischen, soziologischen und politischen Fragen überfrachtet sind, so frisch-fröhlich zur "Debatte" gestellt werden?“ I’m Still Here scheint diese Debatte aufzugreifen. So demontiert der Film nicht nur Phoenix medial generierte Identität, die scheinbare Realität und wiederrum später dessen filmisches Alter Ego, also diese Art Metarealität, er verquickt diese Dekonstruktion auch noch mit einer Demontage der Filmkategorie Dokumentation, der gemeinhin das Schild „Authentizität“ umgehängt wird.

Was bleibt? Ein Scherbenhaufen an Begrifflichkeiten und die Feststellung, dass sich im Zeitalter der Hypermedialität auch im Kino keine klassische Grenzziehung zwischen Wirklichkeit und Fiktion mehr ziehen lässt.

Laura Windhager.

Über das Leichte und das Schwere. Zwischen Kulturpessimismus und Poputopien.

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