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Viennale: Film-Reviews

1. November 2012 • Film / TV

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Die Viennale ist bereits in vollem Gange. Stadtbekannt stellt euch ausgewählte Filme vor, die man sich merken sollte. Den Anfang machen das kasachische Drama „Student“ und die Experimentaldoku „Leviathan“.

„STUDENT“ von Darezhan Omirbayev

Im Mittelpunkt der Handlung steht ein introvertierter kasachischer Student, der unter widrigsten Bedingungen sein Dasein am Existenzminimum fristet und gerade noch genug Geld für einen Leib Brot übrig hat. Darüberhinaus macht ihm die offensichtliche Kluft zwischen arm und reich, die in seinem Land herrscht, zunehmend zu schaffen. Auf der Uni wird ihm Sozialdarwinismus und freier Markt geprädigt. Als der Student schließlich zu einer Schusswaffe kommt, sieht er darin ein Ventil um seiner wachsenden Empörung Luft zu machen. Er erschießt zwei Menschen.

Das Recht des Stärkeren

Regisseur Darezhan Omirbayev folgt in seinem Film im Grunde der Struktur des Dostojewskij- Klassikers „Verbrechen und Strafe“, auch unter „Schuld und Sühne“ bekannt. Im 1866 erschienenen Roman leitet der Protagonist aus vermeintlich geistiger Überlegenheit das Recht ab, einen Mord zu begehen. Omirbayev gelingt es nun, diesen Klassiker über Gewalt und Moral in das heutige post-sowjetische Kasachstan zu überführen. Metaphorisch unterstützt durch Bilder von sich zerfleischenden Tieren, schildert der Regisseur, welche Kräfteverhältnisse in dem Land, in dem seit dem Jahr 1990 der Autokrat Nursultan Nasarbajew an der Macht ist, herrschen: Das Recht des Stärkeren. Die vielleicht eindrucksvollste Szene des Films ist die, in der ein offensichtlich gezwungener Mann verzweifelt versucht, mithilfe seines störrischen Esels einen stecken gebliebenen Geländewagen aus dem Dreck zu ziehen. Als der Versuch scheitert, erschlägt der betuchte Fahrer den Esel mit seinem Golfschläger. Es sind Szenen wie diese, die dem Film eine fast religiöse Allegorie verleihen.

Am Schluss jedoch siegt – wie bei Dostojewskij – die Moral über den Hass. Der Student wird über Umwege dazu überredet, sich zu stellen und wandert letztlich hinter Gitter. Was am Ende bleibt, ist die vage politische Aussage, dass die freie Marktwirtschaft einem Staat wie Kasachstan weder Demokratie noch Wohlstand gebracht hat und dass letztlich Liebe und Menschlichkeit über strukturelle und tatsächliche Gewalt triumphieren.

„LEVIATHAN“ von Lucien Castaing-Taylor und Véréna Paravel

Wer hierbei eine lang ersehnte Verfilmung des gleichnamigen staatstheoretischen Werks des Philosophen Thomas Hobbes erwartet hat, der muss leider enttäuscht werden. Es geht nicht um die „Erschaffung jenes großen Leviathan“, wie Hobbes den enstehenden absolutistischen Staat zu bezeichnen pflegte. Der Denker entlehnte seinen Begriff der jüdisch- christlichen Mythologie, in welcher der Leviathan als Seeungeheuer beschrieben wird. In dem bildgewaltigen Dokumentarfilm von Taylor und Paravel steckt ein bisschen von beiden Bedeutungen, insofern erscheint der Titel mehr als zutreffend.

Ein Bilderlebnis

Jeder kennt diese zumeist weniger aufregenden Dokumentationen über Fischkutter, die auf diversen Fernsehkanälen rauf und runter laufen und einen sanft in den Schlaf wiegen. Ja, auch Leviathan befasst sich mit der Fischerei und der harten Arbeit auf See. Er tut dies allerdings auf derart untypische Art und Weise, dass die Bezeichnung Dokumentation in diesem Fall einer Beleidigung gleich käme. Hier der Kampf zwischen Natur und Mensch, die Gewalt und Dramatik, die bei der Hochseefischerei tobt, eindringlicher geschildert als jemals zuvor. Die Kameras bewegen sich wie Spielbälle über das Schiff, tauchen mal ins Wasser, mal zu den zappelnden Fischen in den Lagerraum, fangen Vögel, Krabben, Muscheln und hart arbeitende Fischer aus den unmöglichsten Kameraperspektiven ein und verschwinden dann wieder sekundenlang im tiefschwarzen Meer. In diesen Momenten lebt der Film von seiner unglaublich eindrucksvollen Arkustik.

Dem Betrachter bleibt Deutungshoheit

Zu Beginn des Films wird ein Bibel-Zitat eingeblendet, ansonsten läuft Leviathan völlig unkommentiert ab – man wird mit den Fischern gewissermaßen allein gelassen und hat das Gefühl sich wahrhaftig selbst durch die Wirren an Bord kämpfen zu müssen. Deuten kann man den Film – was ihn geradezu auszeichnet – in verschiedenste Richtungen. Ob als Anprangerung schlechter Arbeitsverhältnisse, als Statement gegen das Leerfischen unserer Meere, als Heroisierung und Inszenierung hart arbeitender Fischer, oder einfach als kameratechnisch bahnbrechendes Kunstwerk, alles scheint hier möglich. Leviathan zählt ohne Zweifel zu den bildgewaltigsten Filmen dieser Viennale.

Stefan Weiss

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