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Tschisi und der Zeitgeist

22. Februar 2013 • Skurriles

Das Tschisi-Eis ist zurück! Eine Generation aus Neunziger-Kindern kann ihr Glück kaum fassen. Doch was sagt diese Euphorie über unsereins aus? Zugegeben, die unvergleichliche Köstlichkeit des Tschisis rechtfertigt jegliche Bestrebungen, dieses auf immer und ewig zurück in die Eiskästen unserer Herzen zu holen. Doch warum ist grundsätzlich Retro das Einzige, das niemals out ist?

Weinerliches Lamentieren über die guten alten Zeiten kennen wir ja eigentlich von unseren Großeltern. Doch auch der junge Mensch von heute frönt dieser Freizeitbeschäftigung – kommt es hier auch etwas klandestiner und massenkulturkritischer daher. An den Anblick von Hornbrille, Pilzkopf und Hochwasserhosen hat man sich mittlerweile im Stadtbild gewöhnt. Aber der Trend zum „out-Sein“ treibt langsam seltsame Blüten.

Ein grasgrünen Telefonhörer mit dazugehörigem Spiralkabel

Letztens musste ich, als ich nichtsahnend die U2 bestieg, etwas durchaus Verstörendes mitansehen: Ein junger Mann in Hipster-Uniform, sein iPad auf dem Schoß, griff beim plötzlichen Läuten desselben in seinen alten, ledernen Aktenkoffer und zog einen grasgrünen Telefonhörer mit dazugehörigem Spiralkabel hervor, den er an sein Zaubergerät schloss und abhob. Aber meinentwegen, es ist ja irgendwie nachvollziehbar, denn hätte ich in iPad, wüsste ich auch nicht womit ich meine Tasche füllen soll…

USB-Schreibmaschine

Und es geht noch weiter. High-End-Bobos greifen auch beim täglichen Kommentieren der neuesten Instagram-Bilder des Mittagessens ihrer Freunde auf eine – Achtung! – USB-Schreibmaschine zurück. Damit macht man sich beim nächste Chai-Latte bestimmt viele Freunde im Kaffeehaus.

früher = besser?

Nicht dass man mich falsch versteht – die meisten von uns können ja Rettungsaktionen wie die kürzlich siegreiche Tschisi-Mission nachvollziehen oder die Bemühungen, die eklig-klebrig-herrlichen Schwedenbomben vor dem Untergang zu bewahren. Wo es um geschmackliche Erinnerungen geht, denkt der/die Wehmütige an eine unbeschwerte Zeit, zumeist die der Kindheit. Aber Einiges, wo nicht mehr mit „früher = besser“ argumentiert werden kann, verweist auf eine tiefgreifende Identitätskrise.

Wie sonst lässt sich erklären, dass das sicherlich nicht aufgrund seines bestechenden Aussehens so leidenschaftlich vermisste Kinderschokolade-Kind unter Klagelauten zurückgewünscht wird?

Oder die Tatsache, dass sogar Fahrräder, die jeglichen Fortschritts, mitunter der lebensrettenden Bremse, beraubt wurden, Einzug in die immer gefährlicheren Straßen Wiens halten?

Doch Sinnkrisen kennen und zelebrieren wir eigentlich alle. Also warum nicht die wehmütige Reminiszenz an die gute alte Zeit konsequent weiterführen? Ich hätte da noch ein paar Vorschläge:

Die nächste Facebook-Rettungsaktion sollte dem Papst gelten – denn man vermisst vieles erst, wenn es weg ist! Alternativ (aber auch nicht schöner): Papa Ratzi auf die Kinderschokolade! Mein Investment-Tipp für nächstes Jahr: Röhrenfernseher. Sicherlich bald eine Goldgrube. Fragt sich nur, ob die auch HD empfangen können?

Wem halbe Sachen nicht liegen, der sollte bei der nächsten Angina nicht (mainstreamig!) zu Antibiotika greifen, sondern es mal mit dem guten, alten Aderlass probieren. Der wirkt bestimmt – irgendwie zumindest.

Und wem das noch immer nicht weit genug geht und wer befürchtet, in Berlin könnten sie schon etwas Cooleres haben: Einfach Faustkeil zum nächsten Guerilla-Clubbing mitnehmen und alle Augen werden auf dich gerichtet sein!

Nadja Pospisil

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