Kultur – Musik

Magnus Öström  ©Per Kristiansen

Thread of Life: das neue Album von Magnus Öström

27. April 2011 • Musik

Der Faden des Lebens: der rote wie auch der seiderne, an dem alles hängt. Dass jene beiden nicht immer unbedingt zu korrelieren scheinen, ist nichts neues, aber immer wieder aufs Neue schmerzhaft zu erfahren. Drei Jahre ist es mittlerweile her, dass die Nachricht um die Welt ging, dass Esbjörn Svensson, Pianist, Komponist und Bandleader von E.S.T., bei einem Tauchunfall in den Stockholmer Schärengärten im Alter von 44 Jahren tödlich verunglückt ist.

Remembering Esbjörn Svensson

Das Trio, das kurz zuvor das posthum erschienene Album "Leucocyte" fertiggestellt hatte, galt als Erneuerer des Jazztrios. Gerne sahen sie sich als Rockband, die Jazz spielt, wobei Schubladen bei dieser Musik ohnehin keine Rolle gespielt hatte. Die Musik wusste genau von wo sie kam, wo sie verwurzelt war – und doch ging sie meilenweit über diese Grenze hinaus, respektvoll aber konsequent. Das Trio glänzte mit intelligenten, abwechslungsreichen und doch beinahe im Pop-Sinne zugänglichen Melodiebögen, mit großartigen Arrangements und beinahe meditativen Performances.

Geschockt vom Tod seines lebenslangen Freundes meinte Magnus Öström, Schlagzeuger des Trios, dass er eher als Taxi- oder Busfahrer arbeiten würde als sich jetzt dem im Jazz so typischen Bandhopping anzuschließen. Während Bassist Dan Berglund bereits letztes Jahr mit seinem Projekt "Tonbruket" ein vielbeachtetes Lebenszeichen von sich gab, hat nun Öström – drei Jahre nach Svenssons Unfall – ein Tribut an seinen Freund und an das Leben an sich veröffentlicht: "Thread Of Life" heißt das Album, das er mit seinem Quartett aufgenommen hat – neben Öström, der sich für Komposition, Arrangements, Schlagzeug wie auch Keyboards und Gesang verantwortlich zeichnet mit Andreas Hourdakis an der Gitarre, Gustaf Karlöf an den Keyboards sowie Thobias Gabrielson am Schlagzeug, allesamt Musiker aus der Stockholmer Szene.

Bei E.S.T. zeichnete sich ausschließlich Svensson für die Kompositionen verantwortlich, und doch merkt man auf "Thread Of Life" wie essentiell Öströms Drumming für das Trio war. Öström lässt seinen Kompositionen jede Menge Luft zu atmen, gibt den Stücken oft zehn Minuten Zeit um sich zu entfalten, Melodiebögen immer wieder aufblitzen zu lassen. Ob das ganze Jazz ist, die Frage stellt sich nicht: wie bei E.S.T. ist er vielleicht auch hier der Ausgangspunkt, und obwohl durchaus an den Sound des Trio erinnernd, geht Öström auf "Thread of Life" auch mal in ganz andere Richtungen. War bei E.S.T. Elektronik spärlich und nur im Sinne von effektierten Instrumenten eingesetzt, bedient sich Öström durchaus Computersounds, wohldosiert und bereichernd. In Richtung Pop, in Richtung Rock. Progressiv, melancholisch, melodieverliebt, groovezentriert.


Thread Of Life

Ein Lied, vielleicht das Herzstück des Albums, tanzt aus der Reihe: für "Ballad for E" ist Öström, gemeinsam mit Berglund, nach New York geflogen um das Stück gemeinsam mit Pat Metheny einzuspielen – einer der wenigen Gastmusiker, die mit dem Esbjörn Svensson Trio die Bühne teilten. Eine melancholische Ballade, wo sich Metheny´s Gitarre und Berglunds Kontrabaß mit der Melodieführung abwechseln.

Nicht alles ist melancholisch auf "Thread Of Life" – genau so schimmert auf dem Album auch mal die Wut über Geschehenes durch, Verzweiflung, Trotz – und immer wieder die Hoffnung. Der Albumtitel sei für ihn logisch gewesen, hat Öström gesagt. Hier wurde ein ganzes Leben verarbeitet, eine beinahe 40-jährige Freundschaft, die durch schreckliche Umstände jäh zerrissen wurde – und der Gedanke dass es, in welchem Tempo auch immer, weitergehen muss. So wie beim großartigen und atmosphärischen "Longing", wo immer wieder ein Sonnenstrahl durchblitzt. Ein persönliches, offenes Album mit offensichtlichen Titeln: "Weight of Death", "Ballad for E", das wütende "The Haunted Thoughts and the Endless Fall" oder das abschließende zweiteilige "Hymn (For The Past)". 

Hommage, Erinnerung, Ausblick

"Thread of Life" ist gleichermaßen eine Elegie, eine melancholische und dankbare Erinnerung und Hommage an einen engen Freund und Mitstreiter, der dem Leben zu früh entrissen wurde, wie auch ein Hoffnungsschimmer, eine Zelebration des Lebens, wie zerbrechlich und am seidenen Faden hängend dieses auch sein mag. Dem Tod zum Trotz, dem Leben zu Liebe. Ein zärtliches Lebewohl sowie ein Neuanfang.

Am 14. Juli spielt Magnus Öström am Wiener Rathausplatz, bei freiem Eintritt.

Foto (c) Per Kristiansen

Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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