Kultur

Thomas Hirschhorn - Schweizer Pavillon, Biennale di Venezia 2011

Thomas Hirschhorn

29. November 2011 • Kultur

Thomas Hirschhorn ist einer jener Künstler, dessen Werk eine starke Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Fragestellungen aufweist. In den Arbeiten, die speziell für den öffentlichen Raum erarbeitet wurden, steht dabei nicht so sehr die kritische Auseinandersetzung mit demselben im Vordergrund, sondern die Möglichkeit, Arbeiten in verschiedenen Kontexten unterschiedlichen BetrachterInnen vorzustellen. Den spannenden Vortrag Hirschhorns über seinen Begriff von Kunst im öffentlichen Raum, der kürzlich im Kunstraum Niederösterreich stattfand, nehmen wir an dieser Stelle zum Anlass, die künstlerischen Hauptaspekte Hirschhorns vorzustellen.

Das Werk des Schweizer Künstlers ist charakterisiert von einem Zustand permanenter kreativer Anarchie, von Widerstand und einem revolutionären Kommentar auf die Verfremdung der heutigen Gesellschaft, auf die Auswüchse der Konsumindustrie und den globalen Kapitalismus. Seine meist zeitlich begrenzten Installationen bestehen als Referenz darauf oft aus billigen Produktverpackungsmaterialien – aus Holz, Karton, Plexiglas, Plastik- und Aluminiumfolie oder aus Klebeband. Die Frage nach dem ästhetischen und materiellen Wert seiner vordergründig meist nicht sehr „schönen“, eher chaotisch wirkenden Denkmäler und Installationen ist hinten angestellt, vielmehr forscht Hirschhorn nach dem kommunikativen Potential seiner Arbeiten.

Kunst als Werkzeug zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung

Die Wahl solch unpretenziöser Materialien ist eine bewusst politische Entscheidung. Sie sind nicht exklusiv und daher auch nicht auf ein bestimmtes Publikum abgestimmt, sondern schließen Nachbarn, Unbekannte und andere mit ein: „Ich will für ein  ’nicht-exklusives Publikum‘ arbeiten. Nie will ich jemanden durch meine oder in meiner Arbeit ausschließen. Ich will eine Arbeit machen, die andere einschließt und ich will eine Arbeit machen, die einen ‚kritischen Körper‘ bildet. Ich will immer eine dichte, geladene, komplexe Arbeit machen.“, sagt Hirschhorn in einem Interview.

Themen aus der alltäglichen Erfahrungswelt

Inhalte seiner Arbeit sind immer wieder politisch-soziale Fragestellungen, ohne jedoch direkt politisch sein zu wollen. Oft bezieht sich Hirschhorn außerdem auf die Literatur, andere Künstler oder von ihm verehrte Philosophen, etwa bei seinem Spinoza-Altar (1999), seinem George-Bataille-Monument (2000) oder seiner Huldigung Ingeborg Bachmanns (2006) – Arbeiten, die als temporäre Werke für den öffentlichen Raum geschaffen worden waren, und die durch ihre eigenwillige Integration von Kerzen, Kuscheltieren oder Blumen den Charakter spontan entstandener Straßendenkmäler besitzen. Durch die Gegenüberstellung der berühmten Kulturtheoretiker mit den armen Materialien betont er die Aufhebung gesellschaftlicher Hierarchien und damit einhergehend die Sichtbarmachung gesellschaftlicher Zusammenhänge.

Schlagwort: „Präsenz und Produktion"

In seinem späteren Werk erweiterte Hirschhorn seine Arbeiten um das Schlagwort „Präsenz und Produktion“. Damit ist die dauernde Präsenz des Künstlers bei seinen Projekten gemeint, er ist immer vor Ort, während er, sowie eingeladene Künstlerkollegen, Philosophen und andere in Form von Theaterstücken, Lectures, Performances oder Gesprächen in Interaktion mit den Menschen treten. Die Intention ist dabei nicht, „Kunst als Hilfe“ oder „Kunst als Lösung“ anzubieten. In seinem zweimonatigen Projekt „The Bilmer Spinoza Festival“, das 2009 in Amsterdam stattfand, bat vielmehr der Künstler die Einwohner der Stadt um deren Hilfe, mit dem Ziel, den Spalt zwischen Publikum und Schaupieler, aber auch zwischen Plattform und öffentlichem Raum aufzuheben. Diese nahmen schließlich auch als SchauspielerInnen, MitarbeiterInnen oder einfach nur als BesucherInnen an dem Festival teil. „Das Wichtigste ist nicht der Prozess, das Wichtigste ist die Mission.“, erklärt Hirschhorn.

International renommierter Künstler

Hirschhorn zählt zu den international renommiertesten Künstlern. Seit Mitte der 1990er Jahre führen ihn Einzelausstellungen in die wichtigsten Institutionen um die Welt. So war er in der Vergangenheit bereits auf der 27. Biennale de São Paulo (2006), der 48., 50. und 54. Venedig Biennale (1999, 2003, 2011), sowie der Documenta11, Kassel (2002), vertreten. Mit seiner aktuellsten Arbeit Crystal of Resistance – eine Installation im Pavillon der Schweiz auf der 54. Kunstbiennale von Venedig – knüpft Hirschhorn an seine bisherigen künstlerischen Fragestellungen an die Gesellschaft und an seine eigene Arbeit an: „Erstens: Kann meine Arbeit einen neuen Begriff der Kunst erschaffen? Zweitens: Kann meine Arbeit einen ‚kritischen Körper‘ aufbauen? Drittens: Kann meine Arbeit ein ’nicht-exklusives Publikum‘ implizieren?"

(Barbara Pflanzner)

Webpage Crystal of Resistance, Biennale di Venezia, 2011
Thomas Hirschhorn wird vertreten von der Galerie Arndt, Berlin.

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