Wien – Leben

Kaffee Alt Wien Tische (c) stadtbekannt.at
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Tausendundeine Geschichte aus Wien: Herrenrunde im Alt Wien

19. Jänner 2014 • Leben

Ein doppelter Neujahrssonntag mit rauchenden Serben, zeichnenden Studentinnen und den heiligen drei Königen.

Vor dem Mann an der Bar steht ein leeres Seidl-Glas, in dem ein Rest von Schaum langsam eintrocknet. „Ein Krügel, bitte“, ruft der ansonsten still vor sich hinstarrende, etwa Vierzigjährige mit Rod Stuart Gedenkfrisur dem Schankmann zu. Es ist Sonntag Mittag im Alt Wien, und man braucht ausnahmsweise kein schlechtes Gewissen zu haben wenn man trinkt, denn am nächsten Tag ist zwar Montag, aber ein Feiertag, quasi ein Freibrief für den Rausch in Wien, denn an diesem Doppeltag des Herren kann man sowieso nichts anderes machen. Jeder Gast im vorderen Bereich des Lokals hat eine Zigarette im Mund, sogar der Schankmann raucht ungeniert hinter der Bar, während er mit der weiblichen Küchenhilfe flirtet, die soeben ein Stück Sachertorte abschneidet und mit Schlagobers garniert.

Spitäler und Traummaschinen

Zwei ältere Herren betreten das Lokal und setzen sich neben mich an die Bar. Der eine wartet nicht einmal ab bis er sitzt, sondern zündet sich schon mitten im Raum stehend eine Zigarette an. Der Kellner scheint die beiden zu kennen und legt zwei Bieruntersetzer vor ihnen auf die Bar. „Die kannst dir heute sparen“, ruft ihm der eine entgegen und fügt mit herausforderndem Blick hinzu: „Eine Melange“. Der fünfte Jänner ist ganz einfach noch zu früh um die Neujahrsvorsätze schon zur Mittagszeit über Bord zu werfen. Das Rauchen scheinen beide beizubehalten wollen, auch der andere Herr hat sich mittlerweile eine angesteckt, wahrscheinlich zahlt es sich ab einem gewissen Alter nicht mehr aus, auf die Regenerationsfähigkeit der Lunge zu warten.
„Und, wie geht’s ihm?“
„Naja…schlecht.“
„Kann er gehen?“
„Ja, ein paar Schritte. Er hat vierzig Kilo verloren an Muskelmasse, jetzt hauts ihm natürlich den Kreislauf zam sobald er aus dem Bett aufsteht.“
Der Kellner fängt lauthals an zu lachen, über etwas was ihm sein Kollege erzählt hat. Die beiden unterhalten sich in hoher Lautstärke auf Serbisch weiter, auch das Küchenpersonal lauscht den Erzählungen andächtig, während das Stück Sachertorte immer noch einsam und verlassen auf dem Teller in der Küche liegt. Ich erinnere mich, dsas mir ein Wiener Gastronom einmal erzählt hat, dass sobald man sich als Wirt beim Personal auf eine Nationalität festgelegt hat, aus dieser nicht mehr herauskommt, da die Kollegen bei einer etwaigen Mitarbeiterfluktuation immer jemand aus ihrem Bekanntenkreis empfehlen, und da die Österreicher nicht mit Ostausländern verkehren, bleibt man auch hier unter sich.
„Gut, mit siebzig ist ein Schlagerl halt auch kein Schluckauf mehr“, meint der Herr neben mir und nimmt einen Zug von seiner Zigarette, welcher fast ein Viertel von deren Gesamtlange wegbrennt. „Sag ihm auf jeden Fall schöne Grüße von mir. Wo liegt er denn überhaupt?“
„Im Wilhelminen…sie wollten ihn eigentlich zu den Barmherzigen Brüdern bringen aber da hat er im Rettungswagen so angefangen zu schreien und toben, dass die Sanitäter ihn quer durch Wien nach Ottakring gefahren haben.“
„Was ist dort besser als bei den Brüdern?“
„Naja, der Herbert hat mir erzählt, sie haben dort irgendwann einmal irgendeinem Schwager versehentlich einen Hoden amputiert.“
„Ah geh, so eine Geschichte gibt’s ja in jedem Spital in Wien. Alles Blödsinn“, meint der Alte, legt seine Zigarette auf den Aschenbecher und zieht sein Hemd hoch.
„Schau her, siehst all die Narben? Ich hab schon jede Operation gehabt die es gibt und mir haben’s immer genau das rausgeholt was sie wollten.“
Soeben sind ein paar russische Touristen in das Lokal gekommen, ich weiß nicht, ob sie mehr über den Anblick des halbnackten Mannes an der Bar schockiert sind oder aufgrund der Rauchschwaden auf der Stelle kehrtmachen.
Ich gehe auf die Toilette und an einem Tisch vorbei, auf dem die Skizze einer wundersam aussehenden Maschine liegt. Sie ist per Hand gezeichnet und sieht aus, als hätte sie ein Kind gemalt, doch an dem Tisch sitzt nur ein Mädchen, das für die Uni zu lernen scheint und die Zeichnung gar nicht weiter beachtet. Ich frage sie, was das auf dem Papier sein soll und sie erklärt mir, dass es ein Gerät ist, das Träume reinigen kann. Sie hat es für ihren Freund erstellt, weil der seit ein paar Wochen schreckliche Alpträume hat. Ich sage ihr, dass ich das für eine tolle Erfindung halte und wünsche ihr viel Glück damit.

Als ich vom WC zurückkomme sehe ich, dass die Russen wieder da sind und mittlerweile auch meinen Stuhl besetzt haben. Ich bezahle meinen Kaffee, denn ich wollte ohnehin gehen, weil ich im neuen Jahr das Rauchen aufgeben möchte und das hier dafür der falsche Ort ist. Zum Abschied winke ich dem Mädchen mit der Traumreinigungsmaschine zu und wünsche den zwei alten Herren ein frohes neues Jahr. Sie grüßen freundlich zurück und auch das Mädchen lächelt mich an. Vor dem Lokal ist immer noch Frühling, irgendjemand hat wohl auf den Winter vergessen, denke ich mir, während ich die Bäckerstraße Richtung Schwedenplatz marschiere und mir denke, dass es ein gutes neues Jahr werden könnte.

Andreas Rainer

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