Agent Strasser

Stadtbekannt-Lecks: Teil 6

23. März 2011 • Skurriles7 Kommentare

In der Satire-Serie deckt Stadtbekannt diesmal auf: Was in der Affäre um Ernst Strasser wirklich geschah.

Die Dunkelheit liegt wie ein schwarzer Schleier über dem Wiener Stadtpark, nur die goldene Johann-Strauß-Statue schimmert sanft im schwachen Mondlicht. Ein Mann, ganz in Schwarz, mit schwarzer Sturmhaube und ausladendem Schlapphut tippt nervös mit seinem Fuß auf dem Boden herum. Eine Stunde wartet er schon unter dem Denkmal und steht sich die Füße in den Bauch. Ungeduldig lässt er seinen Blick nach allen Seiten huschen. Nichts. Verdammt, die werden mich doch nicht versetzt haben, denkt er. Ach, die kommen schon noch, die werden nur auf dem Weg aufgehalten worden sein, beruhigt er sich selbst.

Im Geiste geht er den Plan noch einmal durch. Erst wird er sie in ein Gespräch verwickeln, in dem sie sich verraten sollen und dann, nachdem sie das Geld übergeben haben, zack, werden wir zuschlagen. Ein zufriedenes Lächeln legt sich über sein Gesicht. Aber das werden sie durch die Sturmhaube auch nicht sehen. Aber für einen Agenten der österreichischen Spionageabwehr gibt es keine Ausreden. A wenn do da Schweiß in meine Augen rinnt. Über’s Geheimdienst-Logo müssen wir dann aber noch einmal reden fällt ihm dabei ein. Ein Sissi-Kopf mit Zorro-Maske auf einer Mozartkugel ist einfach nicht das Non-Plus-Ultra. Der Hochegger soll sich da was einfallen lassen.

Um ganz sicher zu gehen, dass alles funktioniert klopft er noch einmal auf das Mikrofon im Knopfloch seines dunklen Trenchcoats und murmelt mehr in sich selbst hinein: „Test, test.“ Knarrend meldet sich eine Stimme aus dem Mantelinneren: „Passt schon, Ernstl, wir hören dich schon. Des Bild is a super.“ Skeptisch betastet er die Krempe seines Hutes. Er hätte sie ja irgendwo anders angebracht, aber der ORF-Kameramann wollte sie unbedingt dort haben. Von wegen Totale und so.

Dann ist es wieder ruhig. Angespannt lauscht Ernst Strasser in die Nacht hinein. Hätte er es doch nicht machen sollen, überlegt er? Vielleicht knallen sie ihn einfach ab und entledigen sich damit eines lästigen Zeugen. Dann hilft ihm die Überführung der sinistren Gesellen einer fremden Macht auch nichts mehr. Was ist schon ein toter Held, der das Vaterland und die Integrität der heimischen Politik gegen einen ruchlosen ausländischen Geheimdienst verteidigen wollte? Tot ist tot.

Quatsch, versucht er die grausigen Gedanken beiseite zu wischen. Wie sollen ihm, der doch früher selbst Innenminister war und dem Polizeichef, der dort drüben mit seinem Jagdgewehr im Gebüsch liegt, diese miesen Gangster entgehen. Sie werden ihn doch nicht sehen in seinem weißen Pyjama, zweifelt er nun doch ein bisschen. Naja, aber was hätte er tun sollen? Vertrauen kann er niemandem bei seiner Geheimaktion. Jeder kann mit den Schurken unter einer Decke stecken.
Es ging nicht anders, als den Polizeichef erst kurz vor Mitternacht aus dem Schlaf zu reißen und mit zur Geldübergabe zu nehmen. Zumindest den schwarzen Morgenmantel hätte er anziehen können, aber nein, der Herr wollte lieber seine Pantoffeln mitnehmen. Für alles ist dann auch nicht Zeit. Stur war er schon damals ein bisschen, denkt er sich. Aber halt so ein braver ÖVPler. Sogar auf der Pizza wollte er statt Tomaten lieber Schwarzwurzeln haben. Und die grünen Gummibärln hat er immer sofort weggeworfen. Wieder muss er lächeln. Ja was braucht so ein Mann eine Polizeischule, oder einen Waffenschein?

Unvermittelt reißt ihn ein Knacken aus den Gedanken. „I glaub sie kumman“, flüstert eine etwas verschlafene Stimme aus dem Mantelinneren. Ja, jetzt kann er es auch hören, wie die Zweige dort drüben rascheln. Zwei dunkle Gestalten enthuschen dem noch dunkleren Nichts. Sie zwängen sich durch die wild wuchernden Sträucher. Metall klimpert. Die eine hält leisen Sohlen schnurstracks auf ihn zu. Die zweite bewegt sich schwerfälliger und bleibt zurück. Sie trägt eine unförmige Tasche auf dem Rücken.

Gut, denkt er sich erleichtert, sie haben alles so gemacht wie er es ihnen aufgetragen hat. Wie sie das wohl angestellt haben? Hunderttausend Euro in Münzen so schnell auftreiben, die müssen wirklich gut sein. Umso böser werden sie auch sein. Aber mit dem IKEA-Sackerl voller Metall können sie auf jeden Fall nicht weit kommen. Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert. Gleich hat ihn die erste Gestalt erreicht. Noch einmal richtet er seine Hutkrempe aus. Gerade als er etwas sagen will geht plötzlich ein Scheinwerfer an und Dominic Heinzl hüpft hinter dem alten Walzerkönig hervor. Zu früh, zu früh will er rufen und rudert mit den Armen.

Wild tritt er auf seine Bettdecke ein. „Zu früh, zu früh.“ Es wird immer heller. Ein Sonnenstrahl der durch die halbgeschlossene Jalousie sticht bohrt sich direkt in sein Auge. Verschämt richtet er sich auf. Ah, alles nur ein Traum. Nächste Woche, denkt er, nächste Woche beim Treffen muss das aber besser laufen. Als er gerade überlegt, den Polizeichef doch schon vorher einzuweihen, läutet plötzlich das Telefon. „Was? Wie, Zeitungsbericht? Ein Video? Ich war auf keinem Video!“ Entgeistert lässt er den Hörer fallen. Haben die ihn jetzt etwa gelinkt? Und das bevor er sie enttarnen konnte. Nun heißt es schnell sein. Wie war noch einmal die Nummer vom Weißen Ring?

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