Geheimnis

Stadtbekannt-Lecks: Teil 2

14. Dezember 2010 • Skurriles

Undercover, man kennt das ja. Menschen leben unter Hooligans, unter Mafiosi, unter Tierschützern. Sie verkleiden sich als Hells Angels, werden Prostituierte – business as usual. Eines haben diese Einsätze fast alle gemein, es handelt sich hier zumeist um heldenhafte Polizisten, die oft ihr Leben aufs Spiel setzen, um den Bösewichten das Handwerk zu legen. Doch es gibt auch andere Undercover-Agenten, Agent Provocateurs. Diese haben die Aufgabe in vollkommen friedlichen und beschaulichen Gruppen Unruhe zu stiften. Und genau um solche feindlichen Agenten geht es in der neuen stadtbekannt-Enthüllung. Stadtbekannt wurde die Beichte eines jungen Mannes zugespielt, der von finsteren Mächten für ihre sinistren Pläne missbraucht wurde: Die Unterwanderung der FPÖ.

Agent statt Student

Ich weiß nicht mehr genau den Tag, aber sicher war’s im Juli, oder Dezember… Es war auf jeden Fall neblig und wie jeden Tag frühmorgens war ich auf dem Weg zur Uni. Schon seit längerer Zeit verfolgte mich ein unauffälliger Kleinbus mit einem großen roten ORF-Logo an der Seite. Ich bekam es mit der Angst zu tun und begann zu laufen, doch der Bus beschleunigte und stellte sich mit quietschenden Reifen vor mir quer über die ganze Straße. Vier kräftige Hände zerrten mich ins Innere.  Sie seien Journalisten, erzählten sie und zogen sich ihre dunklen Hüte bis über die noch dunkleren Sonnenbrillen. Nötig wäre es nicht gewesen, standen die Krägen der dunklen Trenchcoats doch bis über ihre Ohren. Und ich solle nun ein Agent werden und Unfrieden stiften. Das klang doch gut und zahlen wollten sie auch ordentlich.

 Erst rasierten sie mir die Haare ab und verpassten mir einige einschlägige, rechte Tätowierungen. (Nur für die Glaubwürdigkeit, beruhigten sie mich, die kämen dann wieder ab) Immer wieder musste die Nadel neu angesetzt werden, weil der Cutter dazwischen die Beiträge der Mini-Zib bearbeitete. Der Reichsadler sah am Schluss auch mehr wie ein Gänsegeier aus, aber das ist schon gut so meinten sie. Nächtelang spielten sie mir Neonazi-Lieder vor, bis mir der Kopf dröhnte und ich alle Texte auswendig konnte. Um nicht aufzufallen sperrten sie mich dazu im Aufnahmestudio für die nächste Starmania-Staffel ein. Anschließend musste ich kapitelweise Landserromane auswendig lernen und wenn ich eine Passage vergaß, wurde mir mit einer Originalausgabe von „Mein Kampf“ der Hintern versohlt. Es war eine harte Zeit. Immer wieder zwangen sie mich Szenen aus „In Stahlgewittern“ von Ernst Jünger pantomimisch darzustellen. Als ich nach sechs Monaten mit der Ausbildung fertig war, nickte der Aufnahmeleiter nur zufrieden und flüsterte mir zu: „Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel, der Teufel verändert dich.“

Der Auftrag beginnt

Zum Abschied schärften sie mir noch ein, mich bei jeder sich bietenden Möglichkeit recht rechts zu benehmen und auch andere dazu anzustacheln. Vor allem vor Journalisten und Kameras sei das unbedingt notwendig. Machen sollte ich das bei der FPÖ, damit es endlich so aussieht als habe diese Verbindungen zu rechtsradikalen Kreisen. Und dann steckten sie mich wieder in den weißen Bus fuhren mit quietschenden Reifen den Küniglberg hinunter und warfen mich mitten in der Stadt aus dem fahrenden Auto.

 Da lag ich nun und wusste nicht wo ich war, nur dass ich diese FPÖ finden und meinen Auftrag ausführen musste. Doch als ich die Augen öffnete sah ich sie schon, diese drei strahlenden, himmlisch blauen Buchstaben über mir: FPÖ. Meine Augen leuchteten und schon liefen drei adrette junge Männer, einer in Steirerjanker, der andere mit Salzburger Anzug und der dritte in Tiroler Schützenuniform zu mir her und halfen mir auf. Sie fragten was los sei und warum ich den so einfach auf der Straße liege. Ich stammelte nur: „Ich will zur FPÖ“. Sie klopften mir den Staub von der Kleidung und luden mich freundlich ein mitzukommen, hier sei nämlich zufällig ihre Parteizentrale. Ha, ich war drin.

 Die folgenden Wochen und Monate waren wieder eine harte Zeit. Ich war einfaches Parteimitglied und als solches zwar in der Gesellschaft hoch geachtet, aber in Wirklichkeit musste ich jeden Tag nur Plakate kleben, Menschen anderer Herkunft und Religion beleidigen und Blut vom Boden aufwischen, wenn sich mal wieder jemand beim Rasieren quer über die ganze Stirn geschnitten hat. Ich ließ alles über mich ergehen und erstattete dem ORF immer peinlich genau Bericht. Die Bänder die ich besprach musste ich immer an möglichst konspirativen Orten wie dem Stephansplatz oder dem Ernst-Happel-Stadion übergeben. Ein Unbekannter trat von hinten an mich heran und raunte mir „Hump“ ins Ohr worauf ich mit einem leisen „Dump“ antwortete. Dann ließ ich meine Grünen-Kuriertasche mit den Infos stehen und er nahm sie unauffällig mit. So ging das einige Zeit, ohne dass ich recht weiterkam innerhalb der Partei. Das unmäßige Trinken auf den Zeltfesten und die dauernde Schreierei, die man dort Reden nannte, frustrierten mich langsam. Doch ich trank fleißig mit und schrie fleißig mit, egal welcher Blödsinn es auch war. Meine Stunde sollte noch kommen…

 
Parteikarriere

Und sie kam. Kurz vor dem Wiener Wahlkampf lagen gerade wieder einige Parteifreunde im Krankenhaus, da ihnen beim Jul-Baumfällen die Hacke aus der Hand gefallen oder das Messer beim Wappenschnitzen plötzlich aus der Hand gerutscht war. Diese vielen Wunden an Kopf und Gesicht kamen mir immer schon seltsam vor, aber ich sagte nichts. Wer patschert ist, der kann halt auch nix dafür

Es war also Not am Mann und ich rückte in den Parteivorstand auf. Die Wahlen standen an und es brauchte knackige Wahlkampfsprüche. Dafür war natürlich Kreativität notwendig. Es kreiste eine Flasche mit echtem deutschen Champagner, also eigentlich Selbstgebrannter mit Mineralwasser, aber die Franzosen und ihr Gesöff wollte man nun wirklich nicht unterstützen.

 Lustig und lustiger wurde es. Bald waren wir soweit, dass ein Vorschlag gar keinen Sinn mehr ergeben musste, nur ein Reim, der sollte doch drin sein. Ich erhob mich, so weit es noch ging und ebenso meine Stimme und rief in den Raum: „Würstelstand statt Morgenland.“ Die Parteifreunde lachten und johlten. Das war gut, das hatte Klang, das gefiel. Ich wollte noch einen draufsetzen und überlegte. Da muss es doch noch was geben. Ha, das war gut. „Blunzenfett statt Minarett.“ Ich hatte sie, das war es. Allgemeine Zustimmung, ich freute mich, meine Augen tränten. Ich griff in meine Tasche und zog ein Taschentuch heraus. Plötzlich lag er am Boden, die Zeit schien still zu stehen. Mein ORF-Mitarbeiterausweis war heraus gefallen. Meine Tarnung war aufgeflogen. Die Stille ließ sich greifen. Meine Gesichtszüge entglitten mir und ein Auge begann zu zucken.

Der Skandal

Da brach es plötzlich los. Schallendes Gelächter ließ den Raum erzittern. Ein Kollege kam auf mich zu und klopfte mir auf die Schulter. „Das gibt’s doch nicht und wir haben schon gedacht du wärst freiwillig hier.“ Ich verstand nicht. „Er zeigte auf den Kollegen gegenüber und erklärte: „Er da ist von NEWS.“ Sein Finger wanderte weiter. „Der Kollege ist vom Profil, der vom Standard und der da hinten von Österreich.“ Ein Schnauzbart winkte mir zu. Reihum fiel das Who is Who der Österreichischen Medienlandschaft. „Der Herbert da, der ist von der Salami-News, der hat immer so witzige Werbeideen.“ Ich verstand immer noch nicht. Er wurde ärgerlich: „Ja glaubst du denn hier gäbe es sonst noch wen? Das vorletzte ernsthafte Parteimitglied ist vor zwanzig Jahren gestorben, da war sonst niemand mehr. Das konnten wir doch nicht zulassen. Waren die Leut’ am End’ gscheiter worden? Das glaubten wir auch nicht. Und die Innenpolitik wär’ schon arg fad worden.“ Aus diesem Grund hätte ein Medium nach dem anderen Spione in die Partei eingeschleust, dort habe man sich dass zufällig getroffen und irgendwann war man dann die Partei. „Aber jetzt hamma’s doch a bissl übertrieben, wir brauchen wieder eine Regierungsbeteiligung. Dann suchen wir uns a paar Leut’ zusammen die wir mitregieren lassen und wenn die das gemacht haben, dann samma wieder bei zehn Prozent und wir können neu anfangen. Und in jedem Fall haben wir alle a Riesenhetz.“

 „Und wer ist dann das letzte ernsthafte Parteimitglied?“, fragte ich noch ganz benommen von der Wucht der unglaublichen Enthüllung. „Na wer wohl?“, lachte er und wies auf die Wand. Das Photo eines Mannes hing dort. Ich wollte in den blauen Augen versinken.

Ich konnte es nicht glauben. Doch der Mann vor mir lächelte beschwichtigend. „Aber sag’s nicht dem Heinzi. Dem erzählen wir immer, dass er irgendwann noch Bundeskanzler wird und dann strahlen seine Augen und dann schimpft er auf die Ausländer und dann gewinnen wir die Wahlen und dann schimpfen wir in unseren Medien über die FPÖ.“ Doch ich hielt das einfach nicht mehr aus. Diese Lügen, diese Verstellungen. Hier war gar niemand gegen Ausländer, hier war gar niemand rechts, hier war in Wirklichkeit eigentlich, wenn man ehrlich ist gar niemand…

Und meinen Wahlkampfslogan haben sie auch nicht genommen.

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