Wien – Leben

Sonntagsöffnung

Sonntagsöffnung gut oder schlecht?

7. Juli 2011 • Leben9 Kommentare zu Sonntagsöffnung gut oder schlecht?

Richard Lugner ist für vieles bekannt, aber am wenigsten wohl dafür, sich in den Diskurs einzumengen. Jetzt hat er es aber doch getan und zwar mit der nicht ganz uneigennützigen Forderung nach einer teilweisen Sonntagsöffnung.

Gemeinsam mit acht anderen Unternehmern hat er eine Klage eingebracht, um an einigen Sonntagen im Jahr – gefordert werden bis zu zehn – die Geschäfte, oder im Falle Lugners das Einkaufszentrum, geöffnet zu halten.

Argumentiert wird, dass Geschäfte in Tourismusregionen teilweise sonntags geöffnet haben und solcherart eine Ungleichbehandlung besteht. Außerdem hat man ein Gutachten in Auftrag gegeben, welches bescheinigt, dass das Sonntagsöffnungsverbot eine Einschränkung der Erwerbsfreiheit sei. Eine solche ist aber nur zulässig, wenn die Einschränkung im öffentlichen Interesse ist. Ob dieses öffentliche Interesse besteht, muss nun der Verfassungsgerichtshof klären.

Sonntagsöffnung Pro und Kontra

Betrachtet man die Sonntagsöffnungszeiten in Europa, so wird eine große Diversität in der Handhabung offensichtlich. Von weitgehenden Ladenöffnungsverboten bis weitgehendem laissez-faire ist fast alles dabei. In Österreichs Nachbarländern verfolgen die meisten den Ansatz zumindest einige Sonntage im Jahr freizugeben. In der Schweiz, Italien und Deutschland ist das Sache der Länder, Regionen beziehungsweise Kantone. Tschechien und die Slowakei kennen kaum Einschränkungen der Ladenöffnungszeiten, viele Geschäfte haben auch Sonntags geöffnet. Slowenien und Ungarn haben eingeschränkte Ladenöffnungszeiten an Sonntagen, die Geschäfte haben aber meist zumindest halbtags geöffnet.

Lugner und Konsorten schwebt eine Regelung nach dem Vorbild Berlins vor. Dort ist an zehn Sonntagen im Jahr geöffnet. Geht es nach ihrem Willen, soll es so ähnlich auch in Wien laufen.

Pro Sonntagsöffnung

Die häufigsten Argumente für eine Sonntagsöffnung sind neben der Einschränkung der Freiheit des Verkaufs hauptsächlich der Verweis auf die veränderte Lebensrealität der Menschen. Etwa jede/r vierte ArbeitnehmerIn muss zumindest teilweise am Sonntag arbeiten, insgesamt also eine Million Menschen. Etwa 679.00 Menschen arbeiten regelmäßig am Sonntag. Besonders häufig Selbstständige, Landwirte, im Tourismus Beschäftigte und Arbeitskräfte im Gesundheits- und Sozialwesen.

Immer weniger Menschen nutzen den Sonntag als Tag des Herren. Die religiöse Bedeutung des Tages hat sich überlebt, nur die Ruhefunktion des Tages ist erhalten geblieben. Immer mehr haben aber den Wunsch auch an Sonntagen zu konsumieren. Oft fehlt  ganz pragmatisch auch einfach die Zeit unter der Woche, um notwendige Einkäufe zu tätigen. Am Wochenende wäre sie vorhanden, kann aber nicht oder nur sehr eingeschränkt genutzt werden.

Viele beklagen, dass sie an Sonntagen kaum Möglichkeiten haben auch nur kleinste Besorgungen zu tätigen. An Bahnhöfen, wie beispielsweise am Franz Josefsbahnhof, gibt es zwar Geschäfte mit Sonntagsöffnung, diese quellen fast über vor KonsumentInnen. Der Bedarf wäre also wohl vorhanden, aber dementsprechend lange Wartezeiten müssen die KonsumentInnen auch in Kauf nehmen.

Kontra Sonntagsöffnung

Es gibt aber auch einiges, was gegen die Sonntagsöffnung spricht. Fällt die Sonntagsruhe, so werden über kurz oder lang immer mehr Beschäftigte an Sonntagen arbeiten. Die zwei Ruhetage pro Woche und Beschäftigtem/r werden sich immer stärker unterscheiden. Ein Familienleben fällt somit schwer.

Weitere Argumente gegen die Sonntagsöffnung sind einerseits der Verweis auf die Bedeutung eines Ruhetages für eine Gesellschaft sowie die ohnehin schon harte Arbeitsrealität im Handel. Gerade dort sind viele allein erziehende Frauen beschäftigt, für die es heute schon schwierig genug ist mit den langen Arbeitszeiten zu Recht zu kommen. Wenn nun noch der Sonntag dazu kommt, würde sich dieses Problem noch verschärfen.

Dazu kommt, dass die Löhne im Einzelhandel sehr niedrig sind. Sieht man sich den Kollektivvertrag an, so wird offensichtlich, dass Einstiegsgehälter um die 1300 Euro Brutto für Vollzeit – und gerade im Handel sind sehr viele Beschäftigte nur Teilzeitbeschäftigt – Gang und Gebe sind. Zwar argumentieren die Befürworter der Sonntagsöffnung, dass Sonntagsarbeit im Handel einen Zuschlag aufs Doppelte zum sonst üblichen Gehalt bringt und eine Arbeit an Sonntagen freiwillig erfolgen würde. Aber realistisch betrachtet steigt der Druck tatsächlich auch am Sonntag zu arbeiten in dem Ausmaß, in dem die Sonntagsarbeit normal würde. Wenn der Sonntag zu einem normalen Arbeitstag wird, wäre es außerdem auch mit den Zuschlägen bald vorbei.

Sonntagsöffnung ist für KonsumentInnen eine feine Sache, für die Beschäftigten jedoch weit weniger. Eine gerechte Lösung müsste deshalb beide Seiten mitdenken.

Eine gerechte Lösung, soviel ist jetzt schon klar, wird jedenfalls so nicht zu erreichen sein:

Was sagt ihr zur Sonntagsöffnung?

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9 Antworten auf Sonntagsöffnung gut oder schlecht? – Verstecken

  1. Mischa sagt:

    Ich bin dagegen
    Es gibt mehr als genug Zeit zu konsumieren. Ein bischen konsumfreie Zeittut uns allen nicht schlecht.

  2. Keine Sonntagsöffnung! sagt:

    Nur Assis scheißen völlig auf die Beschäftigten
    und irgnorieren deren Anliegen!

  3. Matador sagt:

    Why not?
    Hey come on. Wir leben im Internetzeitalter. Ich kann einkaufe, weann ich will, wo ich will und was ich will. Wenn das offline nicht geht mach ich es eben online oder im Ausland. Der Ladenschluss greift ohnehin nicht.

  4. Das O sagt:

    unnötig
    Ich arbeite Vollzeit und die Öffnungszeiten decken sich ziemlich genau
    mit meiner Arbeitszeit. Trotzdem finde ich eine Verlängerung der Öffnungszeiten
    sinnvoller als einen Verkaufssonntag. Da verdient nämlich jeder seine Ruhe.

  5. Christin sagt:

    Sonntag
    Ich finde auch, dass es nicht notwendig. Den Sonntag genieße ich sehr, denn da ist nicht soviel los auf den Strassen… einkaufen kann man ja schliesslich die restlichen Tage in der Woche. Ich habe auch einen Vollzeitjob und schaffe es mit den jetzigen Zeiten umzugehen.

  6. IreneS001 sagt:

    Im die gleiche leidigen Diskussionen
    Die scheint es in Österreich zu geben. Was in anderen Ländern kein Problem ist, wird hier wieder so aufgeblasen.

    Ich bin dafür, die Öffnungszeiten komplett zu liberalisieren. Jede/r soll aufmachen können, wann er/sie will. Das heißt ja dann noch lange nicht, dass alle Geschäfte offen haben werden. Wahrscheinlich die meisten eh nicht, weil ja dadurch Mehrkosten entstehen und nicht notwendigerweise mehr Konsumenten kommen werden.

    Tatsache ist doch, wie bereits auf Facebook von mir angesprochen, dass die Regelungen um die Sonntagsöffnungszeiten sowieso schon umgangen werden – Excalibur City, Spar Express in Wels bzw. OÖ, Tankstellen, die bereits ein Sortiment eines normalen Lebensmittelgeschäftes führen.

    Zusätzlich kann es auch zu einer Veränderung der Arbeiternehmerstruktur führen – so wie es in Amerika auch der Fall ist.

    Für all diejenigen, die fürchten, dass es am Sonntag nicht mehr ruhig sein wird – siehe oben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass außerhalb der "Einkaufsballungsgebiete" sehr viele Geschäfte am Sonntag offen haben werden. Konsequenz: für den Großteil Wiens z.B. wird sich punkto Ruhe nicht viel ändern. Die Praterstraße in Wien macht auch einmal pro Jahr einen Tag, an dem man bis 22:00 einkaufen gehen kann und niemand geht hin – also.

  7. Marsonia sagt:

    Was heisst gerechte Loesung?
    Ich bin dafuer, weil ich ohnehin in der Hotellerie am Sonntag arbeite und dass ohne extra Bezahlung fuer Sonntagsarbeit. Es gibt so viele Berufe und Branchen (Krankenschwestern, Gastgewerbe zB.) wo es auch am Sonntag gearbeitet wird. Lugner hat recht zumindest wenn er sagt: dann offen (laenger) wenn die Leute frei haben. Es waere ganz gut wenn die Aemter einmal im Monat am Samstag zB. 1/2 Tag offen halten.

  8. Arbeiter sagt:

    Bitte Sonntags öffnen !
    Sehe gar nicht ein, warum ich mir am Sonntag kein Zahnbürstel kaufen kann. Wer am Sonntag arbeiten will, soll arbeiten können, wer nicht, braucht auch nicht. Wer einkaufen will, soll das machen und wer nicht eben nicht. Kurz gesagt mehr Freiheit für die Bürger. Aber leider wird das Volk von einigen gegen die bösen Unternehmer aufgehetzt, um selbst durch "Mitgliedsbeiträge" fest Kohle zu machen…….

    • Shopgirl sagt:

      Es gibt unzählige Berufsgruppen die am Sonntag arbeiten. Mein Lebensgefährte ist Straßenbahnfahrer, und da schert es auch niemanden, dass er am Sonntag nicht bei seiner Familie ist. Man kann ja am Sonntag auch zu Fuß gehen oder mit dem Auto fahren. Wiener Linien-Angestellte müssen arbeiten, ÖBB, Flughafenpersonal, Taxifahrer, ÖAMTC, Krankenhauspersonal, Polizei, Feuerwehr, Gastro, Hotellerie, Unterhaltungsindustrie (Konzerte, Kino, Museen, Zoo, Thermen, Schwimmbäder,…) uvm. Da kommt keiner auf die Idee Einschnitte zu machen. Hier wird erwartet, dass gearbeitet wird. Mein Mitleid mit dem Verkaufspersonal hält sich also sehr in Grenzen.

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