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Söllner "Mei Zuastand"

Söllner „Mei Zuastand“ – CD Kritik

31. Dezember 2011 • Musik3 Kommentare zu Söllner „Mei Zuastand“ – CD Kritik

"Mei Zuastand" heißt das neue Album von Hans Söllner, in dem alte und teilweise ein wenig in Vergessenheit geratene Songs neu aufgenommen wurden.  

 Als wir Hans Söllner diesen Sommer in Klagenfurt zum Gespräch (hier nachzulesen) trafen, erzählte er uns von einem neuen Album, bei dem er verschiedene Musiker bat, einige seiner vielleicht ein wenig in Vergessenheit geratenen Songs neu einspielen zu lassen: er würde Gesang und Rhythmusgitarre von alten Songs nochmal neu aufnehmen, den Rest sollen verschiedene Musiker aus verschiedenen Genres beisteuern. Im Oktober kam dann, recht knapp und überraschend die Ankündigung auf Söllners Homepage, dass am 18.November via Trikont/Indigo das neue Album "Mei Zustand" erscheinen würde – eingespielt von seiner Band Bayaman Sissdem ohne seinem Beisein.  

Zustände

"Oft müssen wir verletzen und beleidigen um uns zu schützen, in all diesen Liedern geht es darum. Nur in einem geht es ums ficken, für die Ganzheit", schreibt Söllner auf seiner Homepage zur neuen Platte. Um Zustände geht es, dem Titel entsprechend.

Auf Söllners letzten Solo-Alben, "Grea Göib Roud" (1995) und "A Jeda" (1997) liegt der Fokus, sowie auch auf älterem Material. So eröffnet "He Wos Is", gebettet in ein für Söllner unübliches, groovend-schleppendes Mollgewand die Platte: "Und wenn mei Freind a Grieche is, dann kriach i mit eam umanand / bevor i mit dir aufrecht geh fürs deutsche Vaterland" singt Söllner, die Stimme ganz nach vorne gemischt, charismatisch, ein wenig krächzend, auf weiten Teilen der Platte oft auch brüchig.

Arrangements

Pianoklänge und ein mit Jazzbesen getriebenes Schlagzeug tragen eines der traurigsten und verzweifeltsten Lieder des bayrischen Liedermachers, "Blumen und Farben", auch das steht Söllners Songs. Man ist beinahe froh, dass er sich mal anders instrumentieren lassen hat, dass nicht immer nur die typische Alpenraggae-Gangart gefahren wird: Arrangements, die Söllners Stimme, den Songs, mehr Luft zum Atmen lassen, rauer, zerbrechlicher sind. So wird die großartige Religionsinterpretation "A Groußa König" zu einem schleppenden Blues mit der dazugehörig sägenden Bluesharp. Oder das alteingesessene "Manchmoi wenn i aufwach", eröffnet von unterlegten Akkorden auf der Orgel, die Stimme ganz vorn.  

Eine meiner Lieblingsnummern von Söllner, "Im Herbst (Für Kai)" wird zu einer Folknummer mit Gitarre und Akkordeon: "Na i mechat net im Summa sterm / da Summa is ka guate Zeit fürn Tod / Und wenn amoi wos nach mir gang, war´s a saukoida Dezembatog" singt Söllner, in Erinnerung an seinen verstorbenen Freund.  

 Ein anderer musikalischer Kontext

Düster und in Moll geht es dann bei "A Dog wia jeda andere" zur Sache – und genau solche musikalische Umdeutungen stehen Söllner bestens, stellen seine Songs in einen ganz anderen Kontext, fernab von der typischen Raggae-Untermalung, von der er sich seit einer guten Dekade oder länger nicht mehr getrennt hat.

Bei seiner Anti-Nostalgiehymne "Und Du Dramst" kommen sogar Bläser dazu, wie ein kleiner, liebevoller Mittelfingerzeig an den Trachtenverein, der ihn damals wegen der langen Haaren rausgeschmissen hat. "Oba de Menschen verbrennen im Napalm / Feuer irgendwo auf der Welt / und hätt ned irgendwer amal Grenzen gmacht, wär das alles bei uns passiert?… und du hast echt nix gschnallt in deiner schönen alten Zeit".

Bayaman Sissdem

Da kann Söllner seinen Musikern und Arrangeuren wirklich auf die Schulter klopfen: auch wenn hier und da mal ein Wechselbass an die übliche Offbeat-Gangart erinnert, hat man sich hier wirklich etwas einfallen lassen – wohl auch, weil man sich hier austoben hat dürfen. So groovt "Mei Zuastand" streckenweise dahin, wie das bei Söllner noch nie der Fall war, alte G-Dur / D-Dur / C-Dur-Hadern werden plötzlich in schleppende Moll-Songs verwandelt und bekommen eine ganz andere Tiefenschärfe.

Auch in Country werden einige Songs gebettet – was bei "Grea Göib Roud" ("schau auffe, schau am Wind zua: der streit si grod mitm Tod. gestern warn die Blattn grea, heut sans göib und roud") ein wenig besser funktioniert als bei "Für Meine Buam", dessen musikalische Untermalung in seiner Countryseligkeit eher an Truckstop denn an Herrn Cash erinnert. "Hey Liaba Goud" hat es auch als Country-Song aufs Album geschafft.

Eine großartige Version vom zynischen"Hodada" beschließt ein Album, das zwar keine neuen Songs offenbart, Söllner aber von einer Seite zeigt, die man so noch nicht gesehen hat und von der man mehr sehen würde: denn die Verzweiflung, Wut, Nachdenklichkeit und Angst, aber auch Söllners Humor und seine Stoizismus, kommt durch die versatilen Arrangements raus wie noch nie.

Experiment gelungen

Weitab von Edeltraut, dem Marihuana Baam und Warnblinkanlageneinschalten zeigt "Mei Zuastand" einen charismatischen, oft düsteren, nachdenklichen, immer aber stoisch nach vorne blickenden Liedermacher. Respekt, Herr Söllner, Experiment gelungen.

(Markus Brandstetter)

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3 Antworten auf Söllner „Mei Zuastand“ – CD Kritik – Verstecken

  1. max sagt:

    taugt mir
    Danke. Ich vermisse den "Grea Göib Roud" Söllner ein wenig, das ganze Kifferding war mir immer wurscht. Am liebsten hab ich ihn immer gehabt wenn er nachdenklich und melancholisch ist, und das scheint er auf der neuen CD ja rauszulassen. Kauf ich mir ganz fix, grazie für empfehlung

  2. V31 sagt:

    Nur eine kleine Korrektur
    "Hey liaba Goud" ist nicht bekannt als "Lobn & preisn". Das sind 2 verschiedene Paar Würschtln.

    Ansonsten Danke Herr Brandstetter, eine gelungene Rezension.

  3. brandstetter sagt:

    @V31
    Danke für den Hinweis, das war natürlich ein Fehler meinerseits und sind zwei verschiedene Lieder. Sorry!

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