Lifestyle – Skurriles

(c) Nady El-Tounsy
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Sido gegen Heinzl und warum uns das vollkommen egal sein sollte

24. Oktober 2012 • Skurriles

Eine Geschichte übers Zurückkommen nach Wien, abgeholzte Regenwälder und die Untiefen der österreichischen High Society.

Schwechat, Flughafen Wien: Ich steige aus dem Flugzeug der British Airways, nehme einen tiefen Atemzug der benzingetränkten Luft und freue mich wie jedes Mal über das Heimkommen nach Wien. Das Schöne und Schreckliche an Österreich zugleich ist die Ereignislosigkeit, hier passiert so wenig, dass man dem Land der Berge problemlos für ein paar Jahre auf Wiedersehen sagen kann, mit dem ruhigen Gewissen, dass die Krone Schlagzeile vom Tag des Abschiedes gut und gerne dieselbe wie die des Rückkehrdatums sein könnte. Dieses Mal war ich nur für eine Woche weg und doch ist etwas in dieser kurzen Zeit passiert in Österreich, das diese nietzscheanische stetige Wiederkehr des Gleichen durchbrochen und dafür gesorgt hat, dass ich bei meiner Rückkehr tatsächlich das Gefühl habe, etwas versäumt zu haben.

Celebrity Death Match

Bei der ersten Trafik schreien mir die Schlagzeilen entgegen: von einem wilden Faustkampf im ORF Studio ist da die Rede, vom Edelbösebuben Sido, der Schwalbenkönig Heinzl eine verpasst hat. Von 75.000 Facebook Fans, die sich auf die Seite des Rappers gestellt haben, während den gefallenen ATV Starreporter Heinzl niemand liked. Wenn man aus Österreich draußen ist, und sei es nur für ein paar Tage, dann realisiert man, dass Dominic Heinzl, Richard Lugner und Heinz Fischer schon ein paar Meter außerhalb der Grenzen dieses Landes genauso unbekannt sind wie man selbst. Doch hier in Wien, dem Nabel der Welt Österreichs, haben diese Menschen tatsächlich etwas zu sagen.

Während ich meinen Sensationsdrang stillend die Zitate weiterer „Promis“ lese, die sich auf die eine oder andere Seite schlagen, fühle auch ich mich zu einer Entscheidung gezwungen: Rapper mag ich prinzipiell nicht, aber Sidos Beschimpfungen von Heinzls Mutter erinnern mich an alte Schlachten zwischen meinen Kindergartenkameraden in der Sandkiste, das gibt schon mal Bonuspunkte für den Nostalgiefaktor. Heinzl kann man einfach nicht mögen, aber ist er vielleicht derart unsympathisch, dass er schon wieder cool ist? Während ich dieses existenzielle Dilemma zu lösen versuche und durch die kilometerlangen verwaisten Korridore des neuen Flughafen Wiens marschiere, auf der verzweifelten Suche nach der richtigen Abzweigung, frage ich mich, warum tausende Menschen mit ihren Empathien nichts Besseres anfangen können und warum wir stattdessen nicht wenigstens 75.000 Mal auf die Greenpeace Seite klicken hätten können, das würde zwar auch keinen einzigen Baum retten, aber würde trotzdem irgendwie besser aussehen. Doch wen interessiert schon die Zerstörung des Planeten wenn ein deutscher Zweitligarapper einem Ösireporter eine scheuert.

Endlich habe ich den Ausgang gefunden und sitze schließlich in der U4, der Wagon ist großzügig mit zerknüllten Gratiszeitungen ausgelegt. Anscheinend gibt es schon wieder ein neues Thema: „Mausi als Moderatorin: Frau Lugner kann man jetzt buchen“ lese ich da auf einem Ketchup verschmierten Blatt. Oh Wien, du hast mich wieder.

Photocredit: Nady El-Tounsy / Videodreh "Hol doch die Polizei"

Andreas Rainer

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