Kultur

DANIEL SPOERRI Assemblage mit dem Kopf eines Pferdes, 1990 © VBK, Wien, 2011 Fotonachweis: Photoatelier Laut, Wien

SPOTTED: Daniel Spoerri – Assemblage mit dem Kopf eines Pferdes, 1990

14. November 2011 • Kultur

In unserer Reihe „SPOTTED“ nehmen wir je ein Kunstwerk aus einer aktuellen Ausstellung unter die Lupe. Dieses Mal: eines der berühmten „Fallenbilder“ des Schweizer Künstlers Daniel Spoerri, aktuell zu sehen in der Ausstellung „Schönheit und Vergänglichkeit“ im Essl Museum. Von Barbara Pflanzner.

Mit Essensresten beschmutzte Teller, benutzte Gläser und Besteck, zerknüllte Servietten, leere Weinflaschen und Zigarettenpackungen, Zigarettenstummel und Asche überall – man könnte meinen Daniel Spoerri habe den gedeckten Esstisch für seine Gäste zum Schlachtfeld erklärt. Inmitten dieses Chaos befinden sich, einem Stilleben gleich, eine leuchtend weiße Blumendeko und ein Pferdeschädel. Daniel Spoerri schuf ab den 1960er Jahren eine Reihe solcher sogenannten „Fallenbilder“ (Tableaux pièges), die gleichermaßen der Bewegung „Nouveau Réalisme“ und der von Spoerri initiierten „Eat-Art“ zugeordnet werden können.

Zwischen 1968 und 1972 betrieb Spoerri in der Düsseldorfer Innenstadt das „Restaurant Spoerri“, in dem sich auch die „Eat Art Gallery“ befand. Dort fanden nicht nur regelmäßige künstlerische Aktionen statt, es wurden auch sogenannte Eat-Art-Bankette mit befreundeten KünstlerInnen, SammlerInnen und KuratorInnen veranstaltet. Diese Essen wurden von Spoerri jeweils ganz plötzlich beendet und das Durcheinander auf dem Tisch genau so belassen, wie es war. Die Gäste durften nichts mehr benutzen oder verrücken. Anschließend wurden die Gegenstände, die sich auf dem Tisch befanden, mit Kunstharz an ihrer jeweiligen Position fixiert, konserviert und die Tischplatte als Kunstwerk an die Wand gehängt.

In der vorgestellten Arbeit ging Spoerri noch einen Schritt weiter: er überließ es den eingeladenen Gästen, die auf der Tafel stehenden Objekte auszuwählen und zu „inszenieren“. Damit handelt es sich um eine Kombination von Inszenierung und Zufall, die zudem eine weitere Ebene in sich birgt: denn mit dieser Fertigung von autorisierten Fallenbildern hinterfragt Daniel Spoerri zudem die Bedeutung der Autorenschaft des Künstlers.

Indem alltägliche Situationen eingefangen, an sich wertlose Gegenstände zu Kunst erklärt werden und dem Zufall Raum gegeben wird, spielt Spoerri mit dem traditionell erhabenen Status bildender Kunst. Gleichzeitig thematisiert er mit dem Pferdeschädel – ein barockes Vanitasmotiv – das Prozesshafte, die Zeitlichkeit und Veränderlichkeit, den Zyklus von Leben und Tod. Der auf dem Tafelbild fixierte Stillstand kann dazu etwa als  Antithese gelesen werden.

In den Fallenbildern im Generellen, wie auch in der Arbeit „Assemblage mit dem Kopf eines Pferdes“ im Speziellen, wird der Moment gleich einer fotografischen Abbildung eingefroren und so ein bestimmter abgeschlossener Prozess der Realität festgehalten, der gleichzeitig ins Dreidimensionale transferiert wird. Indem die Tafel an der Wand befestigt wird, erhält die Bezeichnung „Tafelbild“ – welches im Fachjargon die bildliche Darstellung auf einem festen, versteiften Malgrund, etwa einer Leinwand, benennt – im buchstäblichen Sinn eine völlig neue Bedeutung.

Daniel Spoerri – Assemblage mit dem Kopf eines Pferdes“, 1990
in der Ausstellung: Schönheit und Vergänglichkeit, Essl Museum
bis 22.1.2012
Eintritt: € 7,- / € 5,-

Abbildung:
DANIEL SPOERRI Assemblage mit dem Kopf eines Pferdes, 1990
Fallenbild (Arrangement von Geschirr und Essensresten, Pferdekopfskelett, Totenkopf mit Leim und Konservierungsstoffen auf der Tafel fixiert)
158 x 130 x 70 cm
© VBK, Wien, 2011
Fotonachweis: Photoatelier Laut, Wien

Bisher geSPOTTED:
G.R.A.M. – Hohes Haus (Kiew), 2011 (Christine König Galerie)
David Maljkovic – Temporary Projections, 2011
(Galerie Georg Kargl)
Hanne Darboven – Ein Jahrhunder (Bücherei), 1970/71 (mumok)
Francis Bacon – Sitzende Figur, 1960 (Albertina Schausammlung)
Via Lewandowsky – Oh tu nove verde!, 2011 (Charim Galerie)
Franz West – , 2011 (Galerie Meyer Kainer)

, , , , , , , , , , ,

Weitere Artikel

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

« »