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Rocko Schamoni – Tag der geschlossenen Tür

5. Mai 2013 • Kultur1 Kommentar zu Rocko Schamoni – Tag der geschlossenen Tür

Wohin soll ich gehen, wenn ich doch überall hingehen könnte? Alle Ziele könnte ich ansteuern, Freunde, Läden, Orte, die mir etwas bedeuten oder meiner Bewegung eine Ordnung verleihen könnten, allein ich kann mich nicht entscheiden, jedes dieser Ziele wäre gleich gut, aber keines hebt sich unter den anderen hervor. 

Da ist er wieder: Rocko Schamoni lässt seinen Helden der Nutzlosigkeit, Michael Sonntag, nochmals für einen letzten Akt auf der großen Bühne der Einsamkeit auftreten. Es wird eine Zugabe nur für Sonntag selbst, und sie wird aufgeführt, nachdem das Licht im Theater schon lange ausgegangen ist.

Zeit im Wandel der Zeiten

Michael Sonntag hat seit dem Ende der „Sternstunden der Nutzlosigkeit“ nicht viel weitergebracht: er probiert zusammen mit dem noch weniger im Leben stehenden Freund Nowak die wildesten Jobideen aus – ein Lieferservice, der Essen von anderen Zustelldiensten austrägt, ein Stand, an dem gebrauchte Fahrscheine verkauft werden sollen und eine Karriere als Museumswärter stehen am Ende der Handlung in seinem Lebenslauf. Besonders letztere Stelle hat es ihm angetan: ohne abgeschlossenes Kunstgeschichtestudium hat er jedoch keine Chance auf den Job. Deshalb kauft er in der Altkleidersammlung eine Uniform und arbeitet trotz Absage im Museum: ohne Anstellung, ohne Bezahlung, und lange Zeit, ohne dass es jemand bemerkt. Eine, die nie von seiner Seite weicht, ist die tote Fliege Totelinchen, die er in einem Streichholzschachtelgrab stets mit sich trägt, bis er sie am Ende des Buches dem treuen Nowak an dessen Matrazengrab legt.

Gesucht: Freund fürs Leben

In einer Vision wird der museumslose Museumswärter als Schlächter von St Pauli vor Gericht gestellt: die Anklage lautet Mord an unzähligen Insekten und Tieren, die er durch sein Wandeln auf der Welt auf dem Gewissen hat. Irgendwann gibt er aus lauter Einsamkeit eine Annonce für einen Freund fürs Leben auf. Immer wieder unterbrechen unfertige Manuskriptideen die Handlung: von Rocko Schamoni als Michael Sonntags Schreibversuche ausgegebene und neu verpackte, nie vollendete Fragmente. Die zahllosen Absagen, die er von den angeschriebenen Verlagen erhält, sammelt Sonntag als Trophäen des Scheiterns. Dieser Künstler schreibt nicht, um veröffentlich zu werden, er schreibt, um abgewiesen zu werden.

Ein perfekter Platz zum täglichen Sterben

Ich möchte ein Handy kaufen, das nur eine Nummer im Speicher hat – Deine.

Berufliches Scheitern alleine reicht nicht, um ein tragischer Held zu werden, auch und vor allem in der Liebe muss versagt werden. Sonntag erfüllt dieses Kriterium zum einen durch die schöne Handyverkäuferin Marion, mit der er irgendwann per Brief Schluss macht, ohne jemals vorher anders mit ihr interagiert zu haben, als in dem einmaligen Abschluss eines Mobilfunkvertrages. Die zweite Zielscheibe seiner amourösen Begierden heißt Susanne, die in seiner Redaktion arbeitet und als einzige dort seine wirren Kolumnen zu verstehen scheint. Höhepunkt dieser Beziehung ist ein Blind Date im Wartezimmer einer Arztpraxis, in dem sie sich am mitgebrachtem Dosenbier erfreuen und dieses auch an die anderen Patienten verteilen, als Ersatzmedizin sozusagen. Ein einsamer Kuss ist schließlich das Abschiedsgeschenk der vergebenen und im Leben stehenden Susanne an den verwelkenden Poeten.

Ein Leben im Krankenstand

Das Buch plätschert dahin, wie ein verregneter Sonntag in Michaels Leben: planlos, unstrukturiert und ohne Überraschungen. Eigentlich war alles das in den „Sternstunden der Bedeutungslosigkeit“ schon gesagt worden: Rumhängen bei Aldi und das verzweifelte Ablecken von Einkaufswagenhaltegriffen, um sich in den nächsten Krankenstand retten zu können, stellen einen gewaltigen Vorrat poetischer Leere dar. Doch wie oft kann man von der Bedeutungslosigkeit des Lebens erzählen, ohne bedeutungslos zu werden? Rocko Schamoni lässt sich nicht aus der Ruhe bringen: in dem stillen Wissen, dass Michael Sonntags Erlebnisse durch deren Potenzierung der Sinnlosigkeit mit jeder weiteren verstreichenden Lebenssekunde auch noch für ein zweites Buch ausreichen. Die Trumpfkarte des Autors, die Legitimation für die Fortsetzung, ist der schlichte Alterungsprozess seines Protagonisten, denn mit dem älter werden verliert der Mensch sein Recht auf Nutzlosigkeit. Die romantische Verzweiflung der Jugend wird zur deprimierenden Tristesse des Alters.

Jung und nutzlos zu sein ergibt eine sinnige Paarung, aber wenn man älter wird, muss man sich irgendwann für eine Funktion entschieden haben. Du musst dich entschieden haben, für das, was du sein willst in der Gesellschaft der Menschen. Du musst dich entscheiden!

Bonuszeit

Der fröhliche Dorfpunk ist in bedeutungslosen Sternstunden erwachsen geworden, um eines Tages vor einer geschlossenen Tür aufzuwachen, die seine gescheiterte Jugend verkörpert, in welcher er es nicht vollbracht hat, eine Rechtfertigung für sein Dasein zu finden. Nun gibt es kein Vor und Zurück mehr.

Ich lebe in der Bonuszeit. In der Zeit nach dem fünfunddreißigsten Lebensjahr. Noch vor wenigen Jahrhunderten lag im fünfunddreißigsten Jahr die durchschnittliche maximale Lebenswertung eines Europäers. Die Zeit nach diesem ist die Zeit, die einem als europäischen Menschen in der Gegenwart als Bonus nachgereicht wird. Bis dahin sollte man die Hauptaufgabe der Reproduktion und Arterhaltung erledigt haben. Dafür gibt es als Belohnung ein paar unbeschwerte Stunden in ein paar ungelenken Jahren.

Rocko Schamonis Texte sind Viagra für die dunklen Gedanken, die in uns schlummern. Wir verbringen ein paar Jahrzehnte in diesem Leben und wenn wir in dieser Zeit Kinder gezeugt haben, dann bleibt unsere Erinnerung vielleicht noch ein paar Augenschläge länger bestehen. Doch was ist dann? Ist es vermessen von uns Menschen, einem Lebewesen, das nur für die Dauer eines Kerzenflackerns im Orkan auf dieser Welt existiert hat, diesem Sturm trotzen und für immer weiterbestehen zu wollen? Rocko Schamoni, wegen dir sind wir jetzt wieder ein paar Tage lang deprimiert. Schreib ruhig noch ein Buch, die Sonntage unter uns werden sicher weiterlesen.

Das Schicksal ist ein grausamer Bankier, es fordert jeden Cent zurück, den es in lauer Sommernacht verliehen.

Rocko Schamoni – Tag der geschlossenen Tür ist beim Piper Verlag erschienen.

Photo Credits: Piper Verlag

Andreas Rainer hat in Wien Germanistik und Kommunikationswissenschaft studiert und drei Jahre in Nordamerika gearbeitet, unter anderem als Unterrichtender an Bard College und der University of Connecticut. Zurück in Wien ist er im Kulturbereich tätig und schreibt für Stadtbekannt hauptsächlich im Resort Literatur.

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  1. erich sagt:

    danke!
    eine sehr gelungene rezension!

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