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Robinson Crusoe zerlegt das Burgtheater

5. Dezember 2013 • Kultur

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Wer kennt sie nicht – die Geschichte des einsam gestrandeten Seefahrers Robinson Crusoe – ein Klassiker der Weltliteratur. Die aktuelle Burgtheater-Inszenierung des Romans von Daniel Defoe weiß selbst 300 Jahre nach Erscheinen des Romans noch zu überraschen.

Als der englische Journalist und Schriftsteller Daniel Defoe im gereiften Alter von 59 Jahren seinen ersten Roman mit dem etwas sperrigen Titel „The Life And Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe“ veröffentlicht, erahnt dieser wohl kaum, welches wegweisende Werk der Literatur er damit geschaffen hat. Robinson Crusoe gilt nicht nur als der erste englische Roman, sondern schuf mit der Vermischung von Historie und Fiktion ein gänzlich neues Genre. Zahlreiche Ableger des Robinson-Themas, bis hin zur modernen Populär- und Filmkultur wurden seither als „Robinsonaden“ bezeichnet.

Aufklärer im Kampf gegen Kirche und Nation

Defoe, der als einer der ersten Aufklärer gegen die Intoleranz der anglikanischen Kirche und gegen das übertriebene Nationalbewusstsein der englischen Kolonialmacht anschrieb, musste aufgrund seiner aufrührerischen politischen Überzeugungen 1703 den Gang in den Kerker antreten. Beim Volk dennoch beliebt, widmete sich der frühere Kaufmann und Essayist, nach seiner Entlassung, dem Journalismus. 1719 folgte schließlich sein Weltroman. Inspiriert hatte Defoe nicht nur sein eigenes Schicksal als ewig Getriebener zwischen gehobenem Bürger- und kämpferischem Revoluzzertum, sondern die wahre Geschichte des gestrandeten Seefahrers Alexander Selkirk.

Deutsches Erfolgsduo am Burgtheater

Das Burgtheater zeigt nun eine Inszenierung des Robinson-Klassikers von Regisseur Jan Bosse, der mit Joachim Meyerhoff in der Hauptrolle, bereits zum siebenten mal zusammenarbeitet. Ergänzt wird das deutsche Erfolgsduo durch den zweimaligen Nestroypreis-Nominierten Ignaz Kirchner, in der Rolle des Freitag.

Verkehrte Welt – Publikum wird Teil der Inszenierung

Die verkehrte Welt im Burgtheater-Stück – das Publikum wird auf die Bühne verfrachtet, während das Stück im Zuschauerraum stattfindet – sorgt bei nicht Eingeweihten zunächst für Verwirrung. Wenn Joachim Meyerhoff mit seinem Monolog beginnt, indem dessen beeindruckende Erzählkunst zur Geltung kommt, ergibt sich für den Zuseher erst langsam der eigentliche Sinn der unkonventionellen Bühnenanordnung. Während man sich als Zuschauer, durch den Schiff-förmig angelegten Theaterraum, im ersten Drittel des Stücks als einer der Rudersklaven auf Robinsons Schiff wiederfindet und somit Teil der Inszenierung wird, entledigt sich Robinson Crusoe nach und nach seiner bürgerlichen Kleider, ehe er als einziger Schiffbruch-Überlebender, nackt und in völligen Urzustand zurückgeworfen, im historischen Publikumsraum des Wiener Burgtheaters zu sich kommt.

Die Insel wird zur Burg – und umgekehrt

Robinson Crusoe, der Getriebene zwischen Bürgerlichkeit und Abenteuer, findet sich im Inbegriff westlich-zivilisierter Hochkultur wieder, die er im Folgenden nicht müde wird, infrage zustellen. In purer Verzweiflung reißt der Gestrandete die Insignien der Bürgerlichkeit ein, um sich seine eigene Burg zu bauen. Gepolsterte Sessel werden zu Barrikaden, Burgtheater-Türen zu Aussichtsplattformen und Vorhänge zu Lendenschurzen. Das alles geschieht in einer Situationskomik, die dem Roman-Stoff auf sympathische Art seine Ernsthaftigkeit entzieht, ohne jedoch den gesellschaftskritischen Aspekt zu verlieren. Jan Bosse holt den Robinson zurück in unsere Zeit, ohne die historische Romanfigur auch nur im Geringsten zu verfremden. Die scharfsinnige Gesellschaftskritik, die bereits Defoes Roman zugrunde lag, erfährt in Bosses Inszenierung einen ungeahnten Relaunch, der bisher allenfalls mit Robert Zemeckis Film „Cast Away“ einigermaßen gelang.

Zwischen Komik und Kritik

Der von Robinson gerettete Wilde, dem er den Namen Freitag gibt, wird äußerst überzeugend von Ignaz Kirchner verkörpert. Kirchner mimt den vermeintlich devoten Sklaven mit entlarvender Komik und stellt das Robinson‘sche Herrenmenschentum mit wenigen Worten und viel Gestik bloß. Die zwiespältige Beziehung der beiden Schicksalsgefährten wiederspiegelt die Thematik des Kolonialdenkens, des Eurozentrismus und religiösen Universalismus. Während die schonungslose Kirchenkritik dann doch ein paar Zusehern zu weit geht, zeigt sich das restliche Publikum hellauf begeistert. Soviel Situationskomik, Gesellschaftskritik und Dramatik durfte man in einem Stück mit nur zwei Darstellern selten bewundern.

Fotos: (c) Reinhard Werner / Burgtheater

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