In der Schlange

Rezension: Thomas Mahler – In der Schlange

19. September 2011 • Kultur2 Kommentare

2011 ist "In der Schlange",  das neue Buch von Thomas Mahler erschienen, der über das Leben als Hartz IV Empfänger schreibt.

Ich habe mich angestrengt, nur über belanglose und unpersönliche Themen zu reden, in der Hoffnung, man möge mich nicht plötzlich fragen, was ich „denn so mache“. Ich habe tief Luft geholt und panisch nach anderen Gedanken gesucht, wenn mir das Wort „Lebenslauf“ einfiel. Ich habe mich arbeitslos gemeldet. Ich gehöre zu den Problemen dieses Landes. Ich raube Politikern den Schlaf. Ich weiß nicht, ob sich mein Gang verändert hat oder meine Art zu essen.

Verschämt vorm AMS rumlungern, peinliche Gespräche mit den Verwandten, wochenlange Spaghettidiät: Autor und Philosophieabsolvent Thomas Mahler kennt alle Akkorde der Arbeitslosigkeit. Neben der permanenten Ebbe am Bankkonto, stürzt auch das eigene Selbstwertgefühl bereits nach einigen Wochen der Untätigkeit in den Keller. Mag geht damit um, wie mit einer tödlichen Geschlechtskrankheit: etwas, das immer nur den anderen passiert, und selbst wenn es einen doch einmal erwischt, kann es sich nur um ein Missverständnis mit Ablaufdatum handeln.

Im Anzug zum AMS

Thomas Mahler ergeht es ähnlich. Anfangs nimmt er den Gang zum Arbeitsamt noch mit einem augenzwinkernden Blick auf seine Leidensgenossen in der Schlange:

"Morgens mühsam das Allerbeste aus dem Kleiderschrank hervorzukramen, die Krawatte vor dem Spiegel fünfmal zurechtzuzupfen und in der U-Bahn die ganze Zeit extra zu stehen, damit der Stoff nicht zerknittert wird, und dann doch kein besseres Ziel zu haben als die Schlange beim Arbeitsamt."

Eine Weile genießt er das lange Ausschlafen unter der Woche und das Ende seines schlechtbezahlten Kellnerjobs. Leute bedienen für wenig Geld ist nicht seins, dann doch lieber fürs Nichtstun bezahlt bekommen. Recht schnell jedoch ziehen dunkle Wolken während der langen Stunden vorm RTL-Nachmittagsprogramm heran: Für Philosophieabsolventen gibt es auf dem Arbeitsmarkt auch langfristig keine Perspektive. Das sexy Abenteuer Harz IV droht zum bitteren Lebensschicksal zu werden.

Was macht man damit, wenn man fertig ist?

Für die Geisteswissenschaftler unter uns ist das Buch ein einziger langer Déjà-Vu Moment: Da wird vom sinnentleerten Schwafeln über Foucault erzählt, um erstsemestrige Mädls abzuschleppen. Von der Jagd nach der goldene Karotte Dissertationsstipendium, die das sorgenfreie Studentenleben noch einmal um ein paar Jahre verlängert. Und natürlich vom auf der Tanzfläche der eigenen Sponsionsfeier abrockenden Diplomarbeitsbetreuer. Wer Philosophie & Co auf dem Magisterzeugnis stehen hat, für den sind solche Situationen der Selbsterniedrigung garantiert kein Neuland. Bedrohlich lauert sie stets über einem, die Frage aller Fragen: „Was macht man damit, wenn man fertig ist?“

Ferne verbindet

"Die meisten Absolventengesichter kamen mir halbwegs bekannt vor – bei einer zufälligen Begegnung auf dem Platz einer anderen europäischen Hauptstadt hätten wir uns wohl Hallo gesagt und noch weiter weg, zum Beispiel am Rande eines riesigen Maisfeldes in Montana, bestimmt schon auf die Schulter geklopft. Auf dem Mond hätten wir uns umarmt. Doch auf dem Uniflur hatten wir uns nur zugenickt."

Mahler ist ein starker Erzähler: In Passagen wie dieser spannt er den Bogen weg von der Arbeitslosenthematik hin zu anderen Skurrilitäten des modernen Menschseins. Auch die Generation Praktikum wird nicht vergessen:

"Die Redakteure nannten mich meistens SekretärIN. Meine Aufgabe war einfach: a) die Post verteilen; b) beschäftigt tun; c) dem Chef Kaffee kochen: zwei Zuckerwürfel als Markierung auf den Boden seiner Batman-Lieblingstasse stapeln, mit Kondensmilch auffüllen, Kaffee rein und dann: gaaaaanz lange umrühren. Restlos aufgelöste Zuckerkristalle – das war der Beweis meiner Kompetenz."

Endstation: Buchautor

Der Autor schafft den Ausstieg aus der Abwärtsspirale Arbeitslosigkeit, AMS Kurse und „Ein Euro Jobs“ durch die Veröffentlichung einer Autobiographie, die das Beinahe-Scheitern seiner Studienwahl und seines Lebens uneitel aufzeichnet. Eine Frage bleibt nach der Lektüre des Buches unbeantwortet: Was passiert mit all jenen, die keinen Vertrag für ein Buch angeboten bekommen? In Europa droht eine ganze Generation an ausgebildeten, aber nicht eingesetzten Arbeitskräften verloren zu gehen. Diesen Menschen haben auch die Le(e)hrinhalte der gefürchteten AMS Kurse nicht weitergeholfen:

„Lächeln! Haben Sie das schon mal ausprobiert? Rausgehen und denn Erstbesten anstrahlen? Haben Sie das mal probiert? Was passiert dann?“ „Die lächeln zurück“, sagt die gleiche Person, ich kann die Stimme nicht einordnen. Aber mir geht ein Licht auf: Diese fremden Menschen, die einen manchmal auf der Straße mit plötzlicher Intimität anlächeln und dadurch erschrecken, das sind gar keine Irren. Es sind Menschen, die gerade aus einem Bewerbungsseminar kommen."

Beachparty oida

Arbeitslosigkeit raubt einem den Atem, den es braucht, die nächste Bewerbung einzutippen. Die Versuchung der nächsten Pornoseite oder des Lesezeichens auf der Sportseite ist nur einen Klick entfernt. Wir haben akzeptiert, dass Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen fixer Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Viele brechen unter der Last der Erfolgklosigkeit zusammen: „Beachparty oida“ und rumhängen bei „Lugna“ mit sozial Gleichgestellten ersetzen in der Folge das Streben nach Ausbildung, Job und einer Zukunft. Der nächste Glücksspielautomat steht genauso wenig weit weg wie die Palette Billigbier vom Diskonter oder die Playstation vom Flohmarkt. Leider gibt es sie, genug Alternativen zur vierzig Stunden Woche, um ein ganzes Leben in einem Wimpernschlag herumzukriegen, ohne es überhaupt zu bemerken.
(Andreas Rainer)

In der Schlange Mein Jahr auf Hartz IV
Thomas Mahler, 256 Seiten, ISBN: 978-3-442-31246-7, € 18,50 (A) 
Verlag: Goldmann

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