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Rezension: Mama, jetzt nicht!

22. September 2011 • Kultur5 Kommentare

Warum wird Kuchen und anderes neuerdings auf der Serviette serviert, und womit sollen wir uns dann bitteschön abwischen? Und was bedeutet eigentlich ‘handgesalzen’? Stadtbekannt hat Daniel Glattauer’s Kolumnen aus dem Alltag rezensiert.

Seit 1989 erheitert uns Daniel Glattauer mit seinen Kolumnen im Standard. Abwechselnd mit Hans Rauscher erscheinen dort täglich im Einserkasterl auf der Titelseite kurze Abhandlungen über Themen aus dem Alltag. Dort macht er sich dafür stark, dass ‘Mahlzeit’ keine Grußformel ist (Danke!) und ‘Grüß Gott’ sowie zahlreiche Abwandlungen davon wie ‘Grüße Sie Gott!’ und ‘Grüße Sie’ ob der ungeahnten Implikationen auch nicht mehr angemessen sind. „Ist es eine Aufforderung an den Zweiten, Gott zu grüßen? Warum grüßt der Grüßer Gott nicht selbst? (…) Und wer grüßt den Zweiten?“

In den ‘Zehn wahrsten Alltagsweisheiten der Weltgeschichte’ widmet er sich der Analyse der fehlenden Implikationen von Floskeln wie ‘Es kommt, wie es kommt’ und ‘Es ist, wie es ist’, und dem unverbindlichen Trost, den ‘Wird schon werden!’ an den Empfänger spendet. Vor allem für unsere nicht-Eingeborenen Mitmenschen sind die Kolumnen, in denen geduldig und mit Kreativität und Einfühlungsvermögen die Bedeutungen und Unterschiede von ‘göns, gengans, gengans-kummans, hörns ma auf’ und dergleichen erklärt werden, von elementarer Bedeutung für das unmittelbare Überleben.

Es hat was

Glattauers literarische Verarbeitung wichtiger Termine wie des Weltverdauungstags hat viel für die Akzeptanz von Artikeln getan, die sich mit dem Phänomen der Widmung von Tagen beschäftigen; eine Kerbe, in die auch Stadtbekannt schon des öfteren geschlagen hat. Weitere Überlegungen, die in dem Sammelband Eingang gefunden haben, gelten der Einführung einer Vielzahl von Abgaben, die in Verbindung mit Mobiltelefonie angedacht werden sollten, darunter die Handyrasselsteuer und die Handyaufsichtsvernachlässigungssteuer, sowie die glorreiche Sprachbegabung österreichischer Sportkommentatoren, die aus Bode Miller mal eben Body Miller (Körper Müller) machen.

Auch sonst bringt uns Glattauer Amüsantes, Zusammengetragenes aus dem weiteren Umfeld. Die Geschichten mit den Wiener Linien, dem Postamt, der Polizei, dem Schwimmbad, wo nur Mutter und Kind als Familie gelten, Vater und Kind aber nicht, und anderen öffentlichen Einrichtungen, die jedem von uns schon hin und wieder fast den Verstand geraubt haben, wechseln sich ab mit Persönlicherem und Kreativem, wie der Werbung für den selbst entwickelten alkoholfreien Tequila oder emphatischen Aufrufen an TrägerInnen von Piercings, sich vor Tobias Moretti-Nachahmungstätern zu hüten, nachdem dieser in einer Filmszene seinem Gegenüber „ein mundnahes Eisengehänge aus der Verankerung“ riss. Die Perspektive wechselt dabei öfters; von einer Anfrage einer Kundin an die Wiener Linien, ob sie ihr Pferd in die U1 mitnehmen dürfe, und dem kleinen Lukas, der sich weigert, den Gehsteig zu überqueren, weil dort ein bewaffneter Polizist steht und der kleine Lukas offensichtlich weniger Krimis schauen sollte.

Da hats was

Unter den zahlreichen Aufrufen schließen wir uns einigen an, wie jenem, den Erfinder der Marken im Krageninneren zu finden und solange mit Federn am Hinterhals zu kitzeln, bis er um Verzeihung bittet. Und auch jenem Menschen, dem wir den u-förmig zusammengelegten Beipackzettel in Medikamenten verdanken. „Melde er sich und lege er das aufgeblätterte Papier vor unseren Augen so lange zusammen, bis es wieder in die Packung passt.“ Auch jener Aufruf, den grausamen Zyklus der mit-Speichel-abwischen-Pädagogik endlich zu beenden, erntet unsere Zustimmung. Und vor allem: Es ist Zeit, den ‘Guten Tag’ zu fördern. Fangen wir damit an. Göns.

‘Mama, jetzt nicht. Kolumnen aus dem Alltag’ von Daniel Glattauer
ISBN 978-3-552-06167-5, 176 Seiten
Verlag: Deuticke

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