Kultur – Musik

I'm With You

Red Hot Chili Peppers „I’m With You“

23. Oktober 2013 • Musik


Post-Frusciante, die zweite.

Eine Fliege und eine mit dem Albumtitel versehene Pille zieren das von Damien Hirst gestaltete Coverfoto des mittlerweile zehnten Albums der Red Hot Chili Peppers – dem ersten nach dem erneuten Ausstieg von Gitarrengenie John Frusciante, der die Band bereits 1992, angewidert vom Rockstartum, verließ, um sich seiner damals blühenden Heroinsucht, sowie der Malerei zu widmen. Wir erinnern uns: Damals holte man sich Dave Navarro von Jane’s Addiction ins Boot, was allerdings nicht so wirklich aufging. Wieder gesundet, suchtfrei und körperlich wieder einigermaßen hergestellt kehrte Frusciante, dessen Kreativität ab diesem Zeitpunkt schier unendlich zu werden schien, zurück zur Band und hatte maßgeblichen Anteil an Songwriting und musikalischen Arrangements des grandiosen „Californication“.

Der Rest ist, nun, wieder Geschichte, und mit den Alben „Californication“, „By The Way“ und der Doppelanstrengung „Stadium Arcadium“ wohlbelegt. Nachdem letzteres ausgiebig betourt wurde, ging die Band auf einen „indefinite hiatus“, ohne das an die große Glocke zu hängen. Ein gutes Jahr später erzählte Frusciante via seiner Homepage, dass er die Band bereits zum Anfang dieser Auszeit erneut verlassen hätte – seine musikalischen Interessen und Gewichtunge haben sich in eine andere Richtung bewegt. Besonders überraschend war das, sieht man sich den Output Frusciantes außerhalb seiner Stammband an, natürlich nicht – für Fans der Kalifornier aber wahlweise schade, extrem enttäuschend oder eine Riesenkatastrophe.


Being Josh Klinghoffer

Gemunkelt und spekuliert wurde es schon recht früh, und besonders überraschend war es dann auch nicht, als man mitteilte dass Frusciante-Kollaborator und Intimus Josh Klinghoffer (31) als „den Neuen“ präsentierte. Klinghoffer, seines Zeichens Multiinstrumentalist, war bereits als Tourgitarrist mit an Board und somit natürlich ein logischer, weil im Übergang homogen erscheinender, Nachfolger.


I’m With You

Nun wurde sie also bereits auf Listening Parties und per weltweitem Livestream vorgestellt, der neue Longplayer des Quartetts. Die Single, „The Adventures of Rain Dance Maggie“ – Flea spielt Disco, Chad Smith spielt Kuhglocke und Klinghoffer völlig zurückhaltend – ist ja bereits seit längerem bekannt und wollte bis dato noch nicht so richtig ins Ohr gehen. So geht es mir auch beim ersten Hördurchgang des gesamten Albums, während ich über Skype mit einem Freund, der ebenfalls gespannt die Listening Party streamt, diskutiere, dass das alles zwar ganz nett und natürlich sehr gut gespielt ist, aber so richtig nicht aufgehen will. Als würde man auf das letzte Quäntchen warten, das aber nicht aufkommen will. Nachdem vierten Hördurchgang sieht die Sache, wie so oft bei der Rezeption von Neuerscheinungen, ein wenig anders aus – und am großartigsten finde ich jenen Song, den ich beim ersten Hördurchgang aufgrund von technischen Schwierigkeiten verpasst habe.


Das Album

„Monarchy Of Roses“ ist nämlich durchaus ein grandioses Statement. Treibende Trommeln, verzerrte Gitarrentexturen von Klinghoffer und ein stimmverzerrter Kiedis leiten noisig und gar nicht undüster ein, ehe ein Disco-Achtelbeat und eine Signature-Basslinie von Flea übernehmen. Immer wieder wechseln sich diese beiden Klangstrukturen ab im Song, Backing Vocals werden sparsam im Stereomix hörbar – treibend, eingängig, sich steigernd. Definitiv eins der Highlights des Albums. Bei „Factory of Faith“ geht es dann wieder mit einer Bass/Schlagzeug unterlegten Strophe funky und ergo ein wenig gewohnter zur Sache – auch hier herrausstechend Klinghoffer. Im Vorfeld hat man natürlich nur spekulieren können, wie dieser auf „I’m With You“ in Erscheinung treten wird: einige haben sicherlich darauf gehofft, dass sich der in Interviews ein wenig wie ein Schüler mit ADHS verhaltende Klinghoffer als Frusciante/Slovak-Klon erweisen würde, viele – inklusive mir – haben sich vor nichts mehr gefürchtet als vor einem solchem. Bei der ersten Single habe ich mich das noch nicht sagen getraut, nach 14 Songs steht es aber fest: Klinghoffer hat etwas geschafft, das zu hoffen war. Den Chili Peppers alleine durch seine Gitarrenarbeit eine ganz spezielle Klangfarbe zu geben – vom Songwriting natürlich abgesehen, denn um seinen Einfluss vom sonstigen Prozeß auseinander zu dividieren, darüber trau ich mich beim derzeitigen Informations- und Hörstand noch nicht drüber.


Das Feeling

Klinghoffers texturelles Gitarrenspiel trägt dazu sicherlich einen nicht ungewichtigen Teil bei, die Songs tun natürlich ihr übriges: auch wenn es die obligaten Funkkracher (zumindest die angedachten Funkkracher) gibt, „I’m With You“ hat viel mehr melancholische, ab und an sogar düstere Seiten. „Brendan’s Death Song“ zum Beispiel. „Like I said / You know, I’m almost dead / You know I’m almost gone / And when the drummer drums, he’s gonna play my song / to carry me along“ heißt es in selbigem. „Ethipia“ wiederum hätte durchaus wieder auf jedem anderen RHCP-Album erscheinen können, wie auch „Look Around“ – bei dem sich Kiedis halt wieder einmal als eher durchschnittlich in Punkto Sprechgesang zeigt. Was mich dann verwundert: „The Adventures of Rain Dance Maggie“, das ich am Anfang als beinahe schmerzlich durchschnittlich und Stadium Arcadium B-Seiten Material empfunden habe, wächst bei oftmaligem Hören. Auch wenn ich nachwievor Backing Vocals vermisse.


Fazit

Dass man die Absenz von John Frusciante imposant merken würde, war von Anfang an sonnenklar. Vorallem fällt das bei den Arrangements der Refrains auf: während Frusciante’s geniale Schichtung von Backing Vocals seit Californication dermaßen tragend und essentiell für das Quartett waren, wird Hintergrundgesang hier sehr spärlich eingesetzt. Was aber leider zur Folge hat, dass die Refrains sehr oft nicht aufgehen, einfach weil Kiedis alleine in den seltesten Fällen einen Chorus tragen kann. Es ist kein wirklicher Durchhänger auf „I’m With You“, das meiste schlicht gute Songs mit ein paar Ausreißern nach oben, am augenscheinlichsten der Albumopener „Monarchy Of Roses“. Haben mich aber Californication, By The Way und zu einigen Teilen auch Stadium Arcadium schon beim ersten Hören überzeugt, geht die Sache für mich auf „I’m With You“ nicht ganz so auf. Zig weitere Hördurchgänge später werde ich mehr wissen. Klinghoffer macht seine Sache jedenfalls hervorragend.

Markus Brandstetter

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