Kultur – Musik

The King of Limbs

Radiohead – „The King of Limbs“

23. Februar 2011 • Musik5 Kommentare zu Radiohead – „The King of Limbs“

Viel ist bereits über die Veröffentlichung des neuen Radiohead-Albums „The King of Limbs“ diskutiert worden. Etwa, dass bei Radiohead mittlerweile die Art und die Kanäle der Veröffentlichung sowie das Marketing- und Distributionskonzept relevanter und weitaus vieldiskutierter sind als das Kunstwerk, die Musik selbst. Oder dass die Innovation bei Radiohead mittlerweile mehr in den Versuchen einer Erneuerung der Veröffentlichungswege als in ihrem primären Schaffen besteht. Wir erinnern uns, beim letzten Album, „In Rainbows“ (2007), überließ man es den downloadenden Fans selbst, wie viel das Album ihnen wert sei – was zu einem durchaus ansehnlichen, einem regulären Verkauf mit festgesetztem Preis insgesamt nicht unähnlichen Ergebnis führte. Das alteingesessene, nostalgische Konstrukt eines Musikmarkts, auf dem die Industrie, allen voran natürlich die immer kleiner werden Großen, viel zu lang mürrisch sitzen blieb, ist ohnehin völlig obsolet, das haben Radiohead als eine der ersten erkannt.

The King of Limbs“, einen Tag früher als angekündigt zum Release freigegeben, gibt es als erstes natürlich auch wieder als Download – diesmal allerdings zum festgesetzten Preis, einerseits als mp3-Files, andererseits auch im geringfügig teureren, dafür qualitativ natürlich besseren wav-Format. Die regulären haptischen Tonträger, CD und Vinyl, erscheinen am 25. März, am 9. Mai kommt dann die sogenannte „Newspaper“-Variante, inklusive Buch mit aufwendigen Artworks.

Und bei allen Diskussionen über Veröffentlichungsstrategien und Kanalerneuerungen: hier ist es also, digital auf Festplatte erst einmal – acht neue Radiohead-Songs, von denen man munkelt, dass noch einige dazukommen könnten. Acht Songs, bei denen es gilt sich einzuhören, sie immer wieder zu hören und im besten Fall bei jedem Durchgang etwas Neues zu entdecken. Ein neues Album von Radiohead ist immer so etwas wie ein Großereignis, eine Erwartung auf etwas Neues, schließlich haben sich gerade Radiohead – wie wenige andere im Biotop der Populärmusik – immer wieder gehäutet, Sachen über Bord geworfen, ver- und zerstört. Man sehe den Abgrund von „OK Computer“ zu KID A“, da gab es sicherlich einige, die aus- und nicht mehr eingestiegen sind.

Ein Klavierloop eröffnet „Bloom“, das erste Lied des Albums, ein paar Takte später stoßen fragmentarische, zerhackte Beat- und Elektronikfragmente über die sich dann Thom Yorkes Stimme wie ein gespenstischer Windhauch legt. Und dann irgendwann, wie es der Rolling Stone so schön geschrieben hat, „a strange and handsome bit of string orchestration on the breakdown, like a chamber orchestra caught in a sandstorm“.

Natürlich ist es recht schwierig und dem Album auch nicht gerecht, ein Radiohead nach den ersten paar Hördurchgängen zu schubladisieren. Insofern sei dies auch nur als Anfangs-Eindruck zu betrachten: auffällig ist, dass „The King of Limbs“ wohl Thom Yorkes „The Eraser“ am Nächsten ist, vielleicht näher noch als zu „In Rainbows“. Wirkliche Häutungen gibt es nicht wirklich – die Band geht die eingeschlagene Richtung einfach einen Schritt konsequent weiter, mit fragmentarischen, Dubstep-artigen Beatfragmenten, zuckenden, hyperaktiven Loops, sparsam aber effektiv eingesetzten Gitarren (die hier aber rein gar nichts tragen) und der charismatischen (oftmals Kopf-) Stimme von Thom Yorke.

Mit „Lotus Flower“ – dem ersten Video, dass man ins Netz gestellt hat – beginnt die zweite, atmosphärisch deutlich andere und vielleicht auch zugänglichere Hälfte des Albums. „Codex“ ist eine wunderschöne Ballade, der Flügel mit Filtereffekten versehen, ein reduziertes und doch atmosphärisch unglaublich dichtes Arrangement. „Give Up The Ghost“, getragen von einer Akustikgitarre, ist dann dem Songformat früherer Tage vielleicht noch am ähnlichsten.

Separator” beendet dann die zweite Hälfte und somit das Album. Und wie vielerorts zitiert, ist der letzte Satz, den Yorke singt "If you think this is over, then you’re wrong". Was viele Fans darauf schließen lässt, dass es da noch eine Tracks geben könnte, die da kommen mögen. Weil, so denken viele Radiohead Fanatiker: die Band führt immer etwas im Schilde, konzeptionell, musikalisch, was auch immer.

The King of Limbs“ ist jedenfalls ein bemerkenswertes Album, etwas anderes war von Radiohead auch nicht zu erwarten. Am Auffälligsten ist die Entwicklung von der ersten Hälfte des Albums, deutlich hyperaktiver und fragmentarischer zur zweiten, beinahe eingängig-melodiöseren Hälfte des Albums. Ich bin gespannt, wie sich das Album nach dem zehnten, irgendwann nach dem zwanzigsten Hördurchgang anfühlen wird.

Markus Brandstetter

Geschichten rund um den Song Noir. Von strauchelnden Protagonisten, Mythen und Mixtapes.

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5 Antworten auf Radiohead – „The King of Limbs“ – Verstecken

  1. Ekel sagt:

    Cool
    Stadtbekannt hat jetzt auch musik rezensionen.

  2. jehova sagt:

    ohgott
    das albumcover sieht absolut schrecklich aus. billigst!

  3. thom yorke sagt:

    @jehovah
    eigentlich wollten wir uns ja in Lederjacken und zerrissenen Jeans vor eine Ziegelwand stellen und finster dreinschauen, aber dann haben wir uns doch für das Krixikraxi entschieden. Lieben Gruß aus England, T.Y.

  4. Patrick sagt:

    Das Albumcover
    ist echt übelst. Aber was ist mit den zusätzlicehn Songs, bekommt man die dann auch gratis wenn man album jetzt schon kauft. oder ist das so ein schmäh wie bei apple. wer als erstes kauft, hat halt pech gehabt und muss mit dem unvollständigen produkt leben?

  5. brandstetter sagt:

    @patrick
    ich kann mir nicht vorstellen, dass außer ein paar B-Seiten oder Bonus-Tracks (alá Remixen) etwas Grundlegendes kommt, mit dem man die Fans, die gleich zugeschlagen haben, "bestraft". Ich glaub das is eher ein wenig Rumspinnerei, aber man wird ja sehen…

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